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Lob der Grenze Grenzstein 21 auf dem Rheindamm. Hier beginnt das Rheintal. Als fliessende Grenze. Meine Mutter ist Vorarlbergerin und überschritt irgendwann in den Fünfzigerjahren diese Grenze. Seither gibt es mich.

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Reinhard Frei (56) Unternehmer, lebt in Au (Bild: Reini_Frei)

Reinhard Frei (56) Unternehmer, lebt in Au (Bild: Reini_Frei)

Lob der Grenze

Grenzstein 21 auf dem Rheindamm. Hier beginnt das Rheintal. Als fliessende Grenze. Meine Mutter ist Vorarlbergerin und überschritt irgendwann in den Fünfzigerjahren diese Grenze. Seither gibt es mich. Nicht sogleich, es brauchte noch einen Vater, der von da an auch immer wieder die Grenze überschritt. Ohne diese Grenze gäbe es mich nicht. Das würde die einen freuen, und für andere wäre es ein Verlust, ein grösserer oder kleinerer…

Ist es meine Herkunft, die mich immer wieder bewegt, Grenzen zu überschreiten oder abzubauen? Wie damals, 1992, bei der EWR-Abstimmung, oder 2007 bei der Fusions-Abstimmung über die Stadt Heerbrugg. Beide Male waren die Grenzen dann doch zu hoch, zu unüberbrückbar. Ich bin ein am Schlagbaum der Demokratie (vorläufig) gestoppter Grenz-Abbauer. Auf der anderen Seite sehe ich, wie bei Rapperswil-Jona sogar der Trennungsstrich vereinigend wirkt, Glarus auch mit nur noch drei Gemeinden funktioniert und im Toggenburg die «Fusionitis» grassiert. Im Appenzellerland wird gar grenzenlos gefAIARt. Nur am Fuss des Pizols ist Grenzabbau tabu.

Und nun kommt da ein österreichischer Philosoph und schreibt das Buch «Lob der Grenze»! Eine Grenze, so Konrad Paul Liessmann, sei überhaupt erst «die Voraussetzung, etwas wahrzunehmen und zu erkennen». Über die Grenze definieren wir uns – als Vorarlberger, als St. Galler, Thurgauerin oder Appenzellerin. Aber politische Grenzen sind ein «relativ spätes Produkt der Menschheitsgeschichte» – in St. Gallen und Thurgau gibt es sie erst seit 1803, und wie wir wissen, war das Appenzellerland vor 500 Jahren ein einig Vater- und Mutterland!

Wären wir alle ohne Grenzen OstschweizerInnen? Wer eine Antwort auf diese Frage geben will, muss definieren, was Ostschweiz ist. Eine Ostschweizer Sonntagszeitung ist da ein guter Anfang. Eine Landesausstellung 2027 könnte ein erfolgreicher Abschluss dieser Identitätsfindung sein. So will auch ich (vorläufig) das Loblied auf die Grenzen singen, denn sie helfen zu erkennen, was uns trennt und was uns eint. Und weil der Zeitgeist Grenzen verschieben und beseitigen will, gibt er mir Stoff für gute Geschichten.

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