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«Die Frauen stellen sich pauschal als Opfer dar, was sie heute nicht mehr sind»: Ostschweizer Unternehmerinnen können Frauenstreik wenig abgewinnen

Frauen an der Spitze von Firmen in unserer Region stehen dem Aktionstag am Freitag kritisch gegenüber. Sie setzen laut eigenem Bekunden lieber auf Gleichstellung im eigenen Haus.
Thomas Griesser Kym
Eine Mitarbeiterin eines Metallbaubetriebs kontrolliert Stahlrohre. (Bild: Kniel Synnatschke/Westend61)

Eine Mitarbeiterin eines Metallbaubetriebs kontrolliert Stahlrohre. (Bild: Kniel Synnatschke/Westend61)

«In dieser generellen Form ist der Frauenstreiktag nicht mehr nötig und auch das falsche Mittel», sagt Katharina Lehmann, Verwaltungsratsdelegierte der Lehmann-Gruppe in Gossau, zu der auch das Holzbauunternehmen Blumer-Lehmann gehört.

«Die Frauen stellen sich pauschal als Opfer dar, was sie heute nicht mehr sind.»

Doch: «In einzelnen Berufsgruppen herrscht nach wie vor Handlungsbedarf, oder im Arbeitsalltag gibt es noch immer Situationen, die für Frauen schwer verständlich oder gar mühsam sind», sagt Lehmann. «Oft hat das zu tun mit mangelndem Respekt, fehlerhafter Kommunikation oder fehlendem Bewusstsein.»

Katharina Lehmann, Verwaltungsratsdelegierte der Lehmann-Gruppe, Gossau. (Bild: Beat Belser)

Katharina Lehmann, Verwaltungsratsdelegierte der Lehmann-Gruppe, Gossau. (Bild: Beat Belser)

Gleichwohl dürfen die Mitarbeiterinnen der Lehmann-Gruppe, die in ihrer 300-köpfigen Belegschaft zwei Dutzend Frauen hat, am Frauenstreik teilnehmen. «Meine Mitarbeiterinnen sind genügend eigenverantwortlich. Ich gehe davon aus, dass sie sicherstellen, dass die Arbeit trotzdem erledigt wird.» Die Absenz könnten sie etwa mit Überstunden kompensieren. Für Männer gelten die gleichen Regeln, und im Betrieb selber wird der Frauenstreik sichtbar, indem einige Frauen selbstgemachte T-Shirts anziehen mit dem Aufdruck «Respekt und Gleichberechtigung sind selbstverständlich – oder?».

Auch Lehmann wird ein solches Leibchen tragen. Die Lohngleichheit sieht sie in ihrem Betrieb «zu 100 Prozent erfüllt». Punkto Vaterschaftsurlaub und Elternzeit plädiert sie für freiwillige innerbetriebliche Lösungen, was auch Flexibilität erlaube.

Fertig mit Jobs in Männer- und in Frauenberufe einteilen

Diana Gutjahr, die mit ihrem Ehemann das Romanshorner Stahl- und Metallbauunternehmen Ernst Fischer AG innehat und leitet, weist darauf hin, dass der Frauenstreiktag rechtlich gesehen kein Streik ist. Deshalb könne man sich nicht auf das Streikrecht berufen. In Gutjahrs Betrieb gilt, dass Teilnehmende einen freien Tag nehmen oder die Zeit kompensieren müssen. Selber wird sie nicht am Frauenstreik teilnehmen, da dies «ein falscher Weg» sei. Gutjahr sagt:

«Auf der Strasse schafft man keine Gleichberechtigung. Streiken ist nicht das richtige Mittel, um effektiv etwas zu verändern.»

Sie setze sich persönlich für Frauenförderung ein. «Bei uns im Betrieb und schon in der Ausbildung versuche ich, Frauen und Männer für sozialpolitische Themen zu sensibilisieren, und versuche keine Differenzierung zwischen Männern und Frauen zu machen.»

Diana Gutjahr, Mitinhaberin und Verwaltungsratsdelegierte der Stahl- und Metallbaufirma Ernst Fischer AG, Romanshorn. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Diana Gutjahr, Mitinhaberin und Verwaltungsratsdelegierte der Stahl- und Metallbaufirma Ernst Fischer AG, Romanshorn. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Man müsse auch aufhören, Jobs in Männer- und in Frauenberufe einzuteilen. Es sei schlicht ein Beruf, und den könnten alle Geschlechter ausüben. Bei der Ernst Fischer AG sind 10 Prozent der 80-köpfigen Belegschaft Frauen. Betreffend Entlohnung sagt Gutjahr, «bei uns gibt es keine Lohnungleichheit nur aufgrund des Geschlechts. Trotzdem bin ich gegen Lohntransparenz, da es unter anderem unmöglich ist, alle harten wie weichen Faktoren aufzuführen, die zu einer Lohneinstufung geführt haben.» Im Endeffekt führe das «nur zu Missgunst». Generell findet Gutjahr: «Je mehr Transparenz, desto höher das Neidpotenzial.»

«Das Wort Streik ist negativ behaftet»

Mit Streiks wenig anzufangen weiss Claudia Graf, Chefin der Rebsteiner Brauerei Sonnenbräu. «Ich finde es nicht gut, wenn man die Arbeit verlässt, um zu streiken. Ein Streik kostet viel Geld, und er widerspricht unserer sozialpolitischen Kultur.» Der Frauenstreik vor 28 Jahren sei was anderes gewesen.

«Das war eine andere Zeit, damals ging es um sehr viel. Dieser Streik war wichtig und dringend.»

Heute aber gebe es andere Möglichkeiten, sagt Graf mit Verweis auf sozialpartnerschaftliche Verhandlungen.

Claudia Graf, Geschäftsleiterin der Brauerei Sonnenbräu, Rebstein. (Bild: Benjamin Manser)

Claudia Graf, Geschäftsleiterin der Brauerei Sonnenbräu, Rebstein. (Bild: Benjamin Manser)

Graf lässt auch das Argument nicht gelten, der Frauenstreiktag sei kein richtiger Streik, sondern ein Aktionstag, der niemandem weh tue. «Das Wort Streik ist negativ behaftet. Es ist gut, ins Bewusstsein zu rufen, dass es punkto Gleichstellung nach wie vor Missstände gibt, aber dafür gibt es andere Möglichkeiten.»

Dass Frauen oder auch Männer aus ihrem Betrieb an den Frauenstreik wollen, davon ist Graf nichts bekannt. Wer das aber wolle, könne das tun. Die Absenz müsste freilich organisiert werden, und es wäre ein freier Tag zu beziehen. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist bei Sonnenbräu selbstverständlich, wie Graf sagt.

Allerdings habe sie kaum vergleichbare Werte, da die Frauen im Büro arbeiten und die Männer in der Produktion, Vergleichswerte habe sie am ehesten bei Aushilfen in der Abfüllerei, und dort erhielten Frauen den gleichen Lohn wie Männer. In Vollzeit gemessen, hat Sonnenbräu 35 Stellen, verteilt auf 60 Köpfe. «Davon sind sicher ein Drittel Frauen», sagt Graf.

«Das Problem intern lösen»

Nicht gross mit dem Frauenstreiktag beschäftigt hat sich Marianne Rapp Ohmann, Geschäftsleiterin des Wiler Auktionshauses Rapp. «Bei uns ist das kein Thema. Ich bin intern von niemandem darauf angesprochen worden.» Und das, obwohl von Rapps 15 festangestellten Mitarbeitenden 80 Prozent Frauen sind.

Sollte eine Frau an den Frauenstreiktag wollen, würde sich Rapp zunächst nach dem Beweggrund erkundigen. Wäre es aus Neugier oder Solidarität, würde sie sagen: «Nimm einfach frei.»

Marianne Rapp Ohmann, Geschäftsleiterin des Auktionshauses Rapp, Wil. (Bild: Urs Bucher)

Marianne Rapp Ohmann, Geschäftsleiterin des Auktionshauses Rapp, Wil. (Bild: Urs Bucher)

Käme aber ein Missstand im eigenen Unternehmen zur Sprache, würde Rapp versuchen, «das Problem intern, an Ort und Stelle zu lösen». Allerdings: Von Problemen ist ihr nichts bekannt, und «bei uns herrscht der Grundsatz: gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit». Das gilt auch für die 50 bis 60 Temporären, die Rapp jeweils vor und während den Auktionen beschäftigt. Positiv am Frauenstreiktag findet Rapp, dass Anliegen punkto Gleichstellung diskutiert und verstärkt in den Fokus gerückt werden.

Offene Diskussionsrunde für Frauen und Männer

Franziska Tschudi Sauber leitet den Technologiekonzern Weidmann aus Rapperswil-Jona mit 3100 Mitarbeitenden, davon fast ein Fünftel Frauen. Sie sagt: «Streiken finde ich keine gute, zielführende Sache, auch wenn ich die Anliegen von Frauen in vielen Belangen teile und gutheisse. Echte Aufmerksamkeit, Verständnis und nachhaltige Lösungen finden wir vielmehr mit kontinuierlicher Kommunikation und Diskussion.»

Franziska Tschudi Sauber, Chefin des Technologiekonzerns Weidmann, Rapperswil-Jona. (Bild: Urs Bucher)

Franziska Tschudi Sauber, Chefin des Technologiekonzerns Weidmann, Rapperswil-Jona. (Bild: Urs Bucher)

Frauen und Männer ihrer Belegschaft dürfen am Frauenstreik «in Absprache mit den Vorgesetzten und zu Lasten Freizeit teilnehmen». Lohngleichheit werde bei Weidmann gelebt. «Die Löhne werden nach Funktionen festgelegt. Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle.» Und was macht Tschudi am Frauenstreiktag? «Ich habe über Mittag eine offene Diskussionsrunde für Frauen und Männer aller Kaderstufen organisiert.»

«Damit es auch die merken, die es noch nicht gemerkt haben»

Unterstützt wird der Frauenstreiktag vom Verband Business & Professional Women, BPW Switzerland. Wie beurteilt BPW-Präsidentin Elisabeth Bosshart die kritische Einstellung von Ostschweizer Unternehmerinnen zu diesem Aktionstag? «Das eine tun und das andere nicht lassen», sagt Bosshart. Konkret:

«Jedem Betrieb, der bei sich für Gleichstellung sorgt, sage ich Glückwunsch und weiter so.»

Nur leider gebe es viele Firmen, die das noch nicht tun. Daher sei es wichtig, dass am Frauenstreiktag auf Mängel in der Gleichstellung aufmerksam gemacht werde, «damit es auch die merken, die es noch nicht gemerkt haben». Auch Bosshart ist klar: «Der Frauenstreik allein wird noch nichts bewirken. Nach den Kundgebungen müssen Taten folgen.»

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