Frankreich wehrt sich mit Zahlen

Sind die Franzosen wirklich faul, wie ein erboster US-Unternehmer behauptet? Die französische Arbeitsrealität und Zahlen von Ökonomen widerlegen das Klischee.

Stefan Brändle
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PARIS. Perplex verfolgen Franzosen den Schlagabtausch zwischen US-Fabrikant Maurice M. Taylor und dem Pariser Industrieminister Arnaud Montebourg. Der Gründer des US-Reifenherstellers Titan lehnte ein Angebot der französischen Regierung, ein Goodyear-Werk in Amiens zu übernehmen, mit dem Argument ab, die «sogenannten Arbeiter» bezögen in Frankreich hohe Löhne und arbeiteten pro Tag gerade mal drei Stunden – den Rest verbrächten sie mit Diskutieren, Pausieren und Essen. Montebourg antwortete, diese Behauptung sei «lächerlich und beleidigend».

Anderes Bild in den Statistiken

Jetzt haben auch Ökonomen in Paris mit Zahlen reagiert – und die widersprechen Taylors Einschätzung weitgehend. In Frankreich wird nicht drei, sondern sieben Stunden am Tag gearbeitet – wegen der 35-Stunden-Woche. Aufs Jahr gesehen sind französische Arbeiter im Jahr 1480 Stunden «au boulot», sprich an der Arbeit. Das sind zwar 150 bis 250 Stunden weniger als Briten, Amerikaner oder Italiener, aber 60 Stunden mehr als Deutsche. Ähnliches gilt für den Stundenlohn. In der französischen Industrie beträgt er € 35.90, ein halber Euro mehr als in Deutschland. Diesen Unterschied machen die französischen Arbeiter durch eine in Europa rekordhohe Produktivität wett: Sie liegt 5% höher als in Deutschland, 25% höher als im EU-Schnitt.

Innerhalb von Europa ist Frankreich deshalb das Land mit den höchsten Direktinvestitionen fremder Firmen und Investoren. Laut der französischen Agentur für internationale Investitionen (Afii) sind die Amerikaner 2011 sogar die wichtigsten Investoren in Frankreich geworden. Das «Wall Street Journal» äussert allerdings auch Verständnis für Titan-Chef Taylor, wenn er die hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich – über 10% – anprangert: Das rigide Arbeitsrecht verunmögliche es faktisch, Leute zu entlassen, weshalb Unternehmer gar keine Arbeitsverträge mehr schlössen, meint die US-Zeitung.

«Grossartig und irritierend»

Afii-Leiterin Clara Gaymard räumt ein: «Wenn Sie mich fragen, ob der soziale Dialog in Frankreich schlecht funktioniert und das Land im Ausland ein schlechtes Image hat, lautet meine Antwort ja.» Frankreich sei sehr produktiv und habe gute Ingenieure; gleichzeitig sei aber der Arbeitsmarkt blockiert und langsam. Gaymard resümiert: «Frankreich ist ein grossartiges Land – und gleichzeitig sehr irritierend.»

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