FRANKREICH: Stresstest für Macron

In Zentralfrankreich drohen Arbeiter damit, ihre von der Schliessung bedrohte Fabrik in die Luft zu sprengen. Der Fall zwingt die neue Regierung zur Weichenstellung.

Stefan Brändle, Paris
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Demonstration auf dem Firmengelände von GM&S. (Bild: Pascal Lachenaud/AFP (La Souterraine, 15. Mai 2017))

Demonstration auf dem Firmengelände von GM&S. (Bild: Pascal Lachenaud/AFP (La Souterraine, 15. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

«Wir werden alles in die Luft jagen», kritzelte einer unter die schweren Gasflaschen, die gut sichtbar auf dem Fabrikgelände platziert sind. Die 280 Arbeiter des Autozulieferers GM&S Industry in La Souterraine wissen, dass andere französische Kumpels auch schon zu solchen Drohgesten gegriffen hatten. Bei GM&S haben sie deshalb per Hubstapler bereits zwei alte Maschinen zu Brei gemacht.

Der robuste Gewerkschafter Yann Augras: «Wenn sie nur 60 von 280 Arbeitern behalten wollen, können wir genauso gut alles abbrennen oder sprengen.» Gestern haben die Arbeiter vor dem Werkgelände demonstriert, um dann zum Rathaus zu ziehen. Die Behörden sind ihre letzte Hoffnung, nachdem sich die wichtigsten Abnehmer Renault und PSA Peugeot am Montag geweigert hatten, neue Aufträge zu garantieren. Nach fünf Besitzerwechseln in den letzten Jahren ist das Unternehmen zahlungsunfähig, und am 23. Mai könnte das zuständige Gericht die Liquidierung aussprechen. Die Lokal- und Regionalbehörden sind noch mit einem Übernahmeinteressenten im Gespräch, doch der will nur 60 Jobs bewahren. Denn der Umsatz des Werks ist stark rück­läufig, in fünf Jahren von 46 auf 24 Millionen Euro gesunken. Die französischen Automarken decken sich lieber – weil billiger – im Ausland ein.

Eine Million Arbeitsplätze verloren

GM&S ist nur das neuste Schulbeispiel für den Niedergang des Industriestandortes Frankreich: Seit der Jahrtausendwende gingen über eine Million Arbeitsplätze verloren. EU-Gegner sagen, schuld sei der zu starke Euro, Liberale machen die 35-Stunden-Woche und das hohe Lohn- und Abgabenniveau verantwortlich für die Arbeitslosigkeit. Sicher ist, dass der industrielle Aderlass ­ärmere Landgegenden wie das Departement Creuse um La Souterraine besonders hart trifft. Gestern nahmen auch viele ­Anwohner an der Protestkund­gebung teil. Zuvor hatten sich schon Eisenbahner zu einem ­Solidaritätszug getroffen, gefolgt von Landwirten. Der sozialistische Regionalratspräsident Alain Rousset warnt: «Dieses soziale Drama findet in einem Gebiet statt, in dem bei den Präsidentschaftswahlen die Wut der Wähler zum Ausdruck kam.»

Gemeint ist der gestoppte Vormarsch der Populistin Marine Le Pen. Zu den rabiaten Methoden der GM&S-Arbeiter sagt Rousset: «Auch wenn die Wut nicht alles rechtfertigt, kann man sie verstehen.»

Der Fall GM&S erinnert an die Fabrik Whirlpool in Amiens, die während des Präsidentschaftswahlkampfes Schlagzeilen gemacht hatte, weil sie die Produktion von Wäschetrocknern teilweise nach Polen auslagern will. Vor den Werktoren hatten sich Le Pen und der neue Präsident Emmanuel Macron ein Fernduell geliefert. GM&S wird nun eine Prüfung für die Regierung, die heute vorgestellt werden soll. «Wir hoffen, dass der neue Staatschef auf den Tisch hauen wird», so der Gewerkschafter Yann Augras mit Blick auf die Aktienanteile, die der französische Staat an Renault und an PSA hält.

Macron hält an sich nicht viel von Staatseingriffen. Er will vielmehr die Strukturschwächen der französischen Industrie bekämpfen und zum Beispiel die Unternehmensabgaben und -steuern senken. Das soll langfristig neue Jobs schaffen.

Diese Politik wird in Frankreich nicht überall goutiert. Die Linksfront von Jean-Luc Mélenchon, die gestern an der Demonstration der GM&S-Belegschaft mitmachte, verlangt, die neue Regierung müsse der gefährdeten Fabrik dank der Renault- und PSA-Aktien Autozubehöraufträge zuhalten und neue Bankkredite garantieren. Der Mittepolitiker Macron wird sich in La Souterraine erstmals zwischen linken und liberalen Wirtschaftsrezepten entscheiden müssen.