Frankreich fürchtet Entlassungswelle

In Frankreich holen Unternehmen Kündigungen nach, die sich während des Wahlkampfs um das Staatspräsidium aufgeschoben hatten. Die neue Regierung prüft verzweifelt Gegenstrategien.

Stefan Brändle
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Arnaud Montebourg (Bild: ap/Jacques Brinon)

Arnaud Montebourg (Bild: ap/Jacques Brinon)

PARIS. Die 37 Angestellten des zentralfranzösischen Reiseanbieters Kawan müssen sich entscheiden: 500 Kilometer an einen anderen Arbeitsplatz in Südfrankreich umziehen – oder entlassen werden. Andere Firmen lassen ihren Angestellten gar keine Wahl. Air France hat vergangene Woche von «Überkapazitäten» gesprochen, die mittelfristig über 1000 Stellen kosten dürften. Peugeot will in Aulnay bei Paris eine ganze Autofabrik mit über 3000 Beschäftigten dicht machen. Banken wie die Société Générale oder Supermarktketten wie Carrefour wollen ebenfalls Arbeitsplätze in vierstelliger Grössenordnung streichen.

Grossspurige Versprechen

Die Gewerkschaft CGT hat gestern eine Liste mit Firmen veröffentlicht, bei denen insgesamt bis zu 46 000 Stellen direkt bedroht sind; indirekt sind es sogar 90 000 Stellen. Sozialpläne häufen sich seit den Präsidentschaftswahlen. Zuvor hatten viele Firmen auf Entlassungen verzichtet, um nicht in die Schlagzeilen zu geraten und unwillkommenen Besuch von Kandidaten zu erhalten. Vor allem der nun abgewählte Nicolas Sarkozy versprach vielen Belegschaften Staatshilfe. Im 1. Quartal kam es in Frankreich zu 22% weniger Werkschliessungen.

«Zehn Fabriken pro Monat»

Jetzt ziehen viele Firmen ihre Sozialpläne aus der Schublade: 60% mehr als in der gleichen Vorjahresperiode sind es laut der Beratungsfirma Trendeo. Deren Mitarbeiter David Cousquer schätzt, dass «Frankreich derzeit zehn Fabriken pro Monat verliert». Die Wirtschaftszeitung «Les Echos» kommentiert: «Die sozialen Bomben beginnen zu explodieren.» Anfang Juni dürfte das Statistikamt mitteilen, dass die Arbeitslosigkeit erstmals seit der Jahrtausendwende wieder die 10%- Marke überschritten hat. Das trifft neben jenen Menschen, die ihren Job verlieren, auch die neue Linksregierung. Präsident François Hollande beginnt seine Amtszeit mit einer schweren Hypothek. Handlungsspielraum hat er kaum, wenn er das Haushaltdefizit bis 2017 auf null senken will.

Graben zwischen Sozialpartnern

Hollande hat deshalb ein eigenes Ministerium für «produktive Wiederbelebung», das heisst für Reindustrialisierung, geschaffen. Dessen Vorsteher Arnaud Montebourg muss nun bis Juli Vorschläge erarbeiten. Der zum linken Flügel der Sozialisten zählende Montebourg schliesst auch Protektionismus nicht aus. Das wäre aber auch europapolitisch umstritten.

Gestern hat der neue Premier Jean-Marc Ayrault zudem Arbeitgeber und Gewerkschaften empfangen, um eine arbeitspolitische Strategie zu entwickeln. Die Positionen der Sozialpartner klaffen aber auseinander. Laurence Parisot, Chefin des Unternehmerverbands Medef, will die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen: Einstellungen seien zu erleichtern und jede Art von Sozialeingriffen zu verhindern. Genau solche Interventionen wünscht aber die CGT: Ihr zufolge sollten Fabrikschliessungen behördlich suspendiert werden, bis geklärt ist, ob es potenzielle Käufer gebe. Die meisten Gewerkschaften verlangen auch eine Erhöhung des Mindestlohns.

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