Frankenstärke als Zankapfel

Der von Bundesrat Schneider-Ammann initiierte Gipfel zur Beurteilung der wirtschaftspolitischen Lage hat wie erwartet keine Beschlüsse gefasst – zum Ärger der Gewerkschaften. Die Schweizerische Nationalbank behält ihre Unabhängigkeit.

Thomas Griesser Kym
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«Eine Rezession sagt kein Konjunkturforschungsinstitut voraus»: Jean-Daniel Gerber, Direktor im Staatssekretariat für Wirtschaft. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

«Eine Rezession sagt kein Konjunkturforschungsinstitut voraus»: Jean-Daniel Gerber, Direktor im Staatssekretariat für Wirtschaft. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

bern. Gestiegene Ungewissheit, aber noch keine Krise: So lautet der Kern der Botschaft von Jean-Daniel Gerber. Unter der Leitung des Staatssekretärs hatten sich gestern in der Bundeshauptstadt Spitzenvertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften getroffen. Anlass war die Frankenstärke und deren Folgen für die Schweizer Wirtschaft. Seit Anfang 2010 hat der Franken gegenüber dem Euro bis zu 17% an Wert gewonnen, ist von 1.50 bis auf 1.25 gefallen. Das verteuert die Schweizer Ausfuhren in den Euro-Raum und nagt an den Margen der Exporteure, und es verteuert Ferien in der Schweiz für ausländische Gäste. Auch gegenüber dem Dollar hat der Franken binnen Jahresfrist an Wert zugelegt, und zwar um 6%.

«Nur palavern»

Beschlüsse wurden gestern keine gefasst. Das war auch nicht vorgesehen. Gerber sagte, jetzt müsse vor allem die Wachstumspolitik weitergeführt werden. Am Treffen sei es darum gegangen, die Lage im Zusammenhang mit dem Währungsgefüge fundiert zu analysieren. «Dieses Ziel wurde erreicht», sagte Gerber. «Gewisse Teilnehmer» des Treffens hätten auch «umstrittene Massnahmen» gegen die Frankenstärke eingebracht. Diese seien aber nicht analysiert worden. Für konkrete Schritte wäre nämlich die Schweizerische Nationalbank (SNB) zuständig, sagte Gerber. Deren Unabhängigkeit sei am Treffen mehrfach betont worden. Das heisst: Der Bundesrat redet der SNB, die in erster Linie der Preisstabilität verpflichtet ist und subsidiär das Wohl der Konjunktur im Auge behalten soll, nicht drein. Und auch sonst hat keiner über die Tätigkeit der SNB zu bestimmen.

Bei den von Gerber erwähnten «gewissen Teilnehmern» handelt es sich um die Gewerkschaften. Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), zog als einzigen positiven Punkt aus dem Treffen, «dass es überhaupt stattgefunden hat». Im gleichen Atemzug kritisiert Lampart, dass «nur palavern» nichts bringe. Er erneuerte die Forderung, dass die SNB eine Untergrenze des Frankens gegenüber dem Euro verteidige oder den Franken vorübergehend an den Euro anbinde. Und Lampart sprach sich für ein Gentlemen's Agreement aus, wobei sich die Banken gegenüber dem Bund verpflichten würden, Währungsspekulationen zu unterlassen.

Unternehmer in der Pflicht

Zufrieden mit dem Treffen zeigten sich der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) und Economiesuisse. SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler ist die Unabhängigkeit der SNB wichtig, und er rief Importeure, die vom schwachen Euro profitieren, auf, Währungsgewinne weiterzugeben. Economiesuisse-Geschäftsleiter Pascal Gentinetta nahm wiederholt die Unternehmer in die Pflicht und schärfte ihnen ein, sich auf die Frankenstärke einzustellen.

Ökonomen sehen den als fair bezeichneten Wert des Frankens zum Euro, gemessen am Vergleich der Kaufkraft, zwischen 1.40 und 1.45. Trotz der Frankenstärke schlägt sich die Schweizer Wirtschaft bisher bemerkenswert gut. Das belegt auch der jüngste Konjunkturindikator von Osec und Credit Suisse (vgl. Ausgabe vom Mittwoch), wonach eine zunehmende und mehrheitliche Zahl der KMU erwartet, ihre Exporte steigern zu können. Der Erfolg fusst auf mehreren Faktoren.

Die Stärken der Schweiz

• Die Schweizer Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren fit getrimmt, Kosten gesenkt, geographisch diversifiziert – sowohl was Produktionswerke wie auch Einkauf und Absatzmärkte betrifft – und ihre Produktivität gesteigert.

• Schweizer Erzeugnisse sind Weltklasse – von hervorragender Qualität, innovativ und nicht so einfach nachzuahmen. Das lässt auch ein gewisses Preisniveau zu.

• Schweizer Unternehmen bieten einen weltweit erstklassigen Kundenservice. Das ist vor allem auch bei teuren Investitionsgütern wie Anlagen und Maschinen zentral – dass bei Bedarf subito ein Monteur und Ersatzteile bereitstehen.

• Der Schweizer Konjunkturmotor läuft mit hoher Drehzahl. Die Binnenwirtschaft brummt, die Exporteure profitieren von der robusten Konjunktur ihres wichtigsten Absatzmarktes Deutschland, der schwache Euro verbilligt Importe. Das kommt auch den Konsumenten zugute, wie die kürzlichen Preissenkungen auf breiter Front im Detailhandel zeigen.

Ökonomen meinen, der Euro neige wegen der Probleme in der EU noch geraume Zeit zur Schwäche. Gestern stieg er vorläufig immerhin auf gut 1.29 Franken.