Frankenstärke als Prüfstein

Der Franken ist gegenüber dem Euro stark wie nie. Die Wirtschaft muss sich anpassen. Die Nationalbank ist nach einer Pause wieder eingeschritten.

Steffen Klatt
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Eine gute Nachricht zur Ferienzeit: Wer heute in den Euro-Raum reist, bekommt 1 € bereits für 1.32 Franken. Vor einem Jahr kostete es noch 1.52 Franken. Ferienreisen ins Euro-Land sind also um 13% billiger. Das dürfte vorerst so bleiben. UBS-Währungsanalyst Thomas Flury sieht den Euro so lange unter Druck, wie die Ergebnisse der Stresstests europäischer Banken auf sich warten lassen. Diese Ergebnisse werden erst im Verlauf dieses Monats bekanntgegeben. Es sei deshalb möglich, dass der Franken noch weiter aufwertet.

Sogar bis zur Parität? «Es gibt diese Angst», sagt Flury. Vor der Aufwertung seit April hat sich der Kurs stets oberhalb 1.43 bewegt.

Ähnlich klingt es bei der Credit Suisse (CS). Diese rechnet für die nächsten zwölf Monate mit einem Euro-Kurs zwischen 1.30 und 1.40 Fr., sagt Währungsanalyst Fabian Heller – «auch wenn der faire Wert aus unserer Sicht bei 1.40 liegt». Einstweilen könnten die Märkte den Franken aber noch weiter in die Höhe drücken. «Es gibt Wetten auf eine weitere Aufwertung.»

Nationalbank ist wieder aktiv

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat versucht, die Aufwertung zu bremsen. Sie wollte verhindern, dass billigere Importe einen Preisverfall, also eine Deflation, auslösen. Die SNB hat seit März massiv Euro aufgekauft, um den Kurs deutlich über 1.40 Fr. zu halten. Damit häufte sie Währungsreserven von 232 Mrd. Fr. bis Ende Mai an. Das übertrifft sogar ganz leicht die Währungsreserven der vielfach grösseren Euro-Zone. Doch dann gab die SNB die Verteidigung auf.

Der Schweiz drohe keine Deflation mehr, so die Begründung. Am Donnerstag allerdings scheint die SNB wieder eingegriffen zu haben, um den Euro bei 1.32 Fr. zu halten.

«Lieber Reserven als Schulden»

Jan Egbert Sturm übt leise Kritik an der SNB. Diese habe verhindern wollen, dass die Schweiz in einer wirtschaftlichen Schwächephase auch noch mit einer Aufwertung konfrontiert werde, sagt der Leiter der ETH-Konjunkturforschung KOF. Das sei für 2009 richtig gewesen.

Doch schon zum Jahreswechsel sei sichtbar geworden, dass der Aufschwung begonnen habe. «Die Nationalbank hat lange an einem Bild festgehalten, das sich im Nachhinein als nicht richtig herausgestellt hat.» Doch Sturm relativiert: «Im Nachhinein ist man immer klüger.»

So sieht es auch UBS-Analyst Flury. Er weist zudem darauf hin, dass die SNB die Gefahr einer selbstverschuldeten Inflation beschränke: Zwar habe sie für den Kauf der Euro Franken neu geschaffen. Aber sie nehme einen Teil dieses Geldes durch Anleihen wieder vom Markt.

«Lieber Währungsreserven aufbauen als Schulden», sagt Flury mit Blick auf die Euro-Zone, die USA, Grossbritannien und Japan.

Wirtschaft kann damit leben

Unternehmen, die in den Euroraum exportieren, müssen tiefere Margen in Kauf nehmen. Immerhin gehen über die Hälfte der Exporte in den Euro-Raum. Je ein Zehntel gehen in die Dollar-Räume USA und Asien, Tendenz steigend. Aber dort wird die Konkurrenz mit Anbietern aus dem Euro-Raum härter. Die Frankenstärke verbilligt gleichzeitig Schweizer Importe aus dem Euro-Raum.

Wer dort Zulieferer hat, profitiert. Am härtesten trifft die Aufwertung den Tourismus: Schweizer könnten eher in Euro-Länder verreisen, Ausländer die teure Schweiz meiden. Die Volkswirtschaft insgesamt könne aber mit den derzeitigen Kursen leben, sagt CS-Analyst Heller. «Die Wirtschaft kann mit dem festeren Franken umgehen.»

Das muss sie auch. Denn die Aufwertung ist ein langfristiger Trend. Der Basler Professor Peter Kugler verweist auf den Unterschied des realen und des nominalen Wertes: Seit der Einführung des Euro 1999 sei die Geldentwertung in der Euro-Zone kumuliert 11% höher gewesen als in der Schweiz. Der Euro sei 1999 mit 1.60 Fr. gestartet. «Real sind das heute 1.42 Franken», sagt Kugler.

Zusätzlich zur inflationsbedingten nominalen Aufwertung werte der Franken auch real leicht auf, weil er als sicherer Hafen gelte.