Forscher zweifeln an Wirksamkeit von Tamiflu

Jahrelang hat ein Forschergremium mit der Pharmafirma Roche darum gerungen, die Forschungsresultate zur Wirksamkeit des Grippemittels Tamiflu öffentlich zu machen. Nun kommen die Wissenschaftler zum Schluss: Seine Wirkung sei höchstens bescheiden, die Einlagerung durch Regierungen zu hinterfragen.

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Die Forscher werteten 20 Studien zu Tamiflu aus. (Bild: Keystone/Archiv)

Die Forscher werteten 20 Studien zu Tamiflu aus. (Bild: Keystone/Archiv)

Tamiflu verkürze die Dauer von Grippesymptomen um lediglich 16 Stunden, schrieben Wissenschaftler der renommierten Cochrane Collaboration am Donnerstag in der britischen Medizinzeitschrift "British Medical Journal" (BMJ). Der Studie zufolge dauerten die Grippesymptome mit Tamiflu bei Erwachsenen nur 6,3 statt 7 Tage, bei anderweitig gesunden Kindern verkürzten sie sich um einen Tag.

Die Forscher fanden hingegen keinen Hinweis darauf, dass das Medikament die Zahl von Spitaleinweisungen, von ernsthaften Komplikationen wie Lungenentzündungen oder die Mensch-zu-Mensch-Übertragung reduziert. Dies seien die Vorbedingungen für die Einlagerung der Arzneien durch Regierungen gewesen.

Dafür fand die Studie einen deutlichen Anstieg von Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen sowie ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme, Nierenprobleme und Kopfschmerzen, wie es in einem Editorial des BMJ heisst. Diese Risiken seien nur unvollständig mitgeteilt worden.

Daten hätten bekannt sein können
"Diese Daten hätten den Behörden vor der Einlagerung bekannt sein können", erklärte der Erstautor der Studie, Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration, der Nachrichtenagentur sda. Auch die Schweizer Regierung hat im Zuge des Vogelgrippe-Ausbruchs von 2003 sowie bei der Schweinegrippe von 2009 Tamiflu eingelagert.

"Wir glauben, dass unsere Resultate Anlass geben, die Einlagerung von Oseltamivir (der Wirkstoff von Tamiflu, Anm. d. Red.) sowie seinen Einschluss auf die Liste der essenziellen Arzneien der WHO zu hinterfragen", schreiben die Autoren. Auf dieser listet die Weltgesundheitsbehörde Medikamente auf, die sie für äusserst wichtig für die öffentliche Gesundheit beurteilt.

Streit um Studiendaten
Hinter dem Bericht steht ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern, sowie ein viereinhalb Jahre dauernder Kampf um Offenlegung der Studiendaten zu zwei Grippemitteln, Tamiflu von Roche und Relenza von GlaxoSmithKline. Die Cochrane Collaboration ist ein unabhängiges Forschergremium, das mit systematischen Übersichtsstudien die Wirksamkeit von medizinischen Therapien bewertet.

Jahrelang hatte sich Roche geweigert, die Daten öffentlich zu machen. GlaxoSmithKline war nach Angaben der Forscher zugänglicher. Im September 2013 stellte die Firma dann die gesamten Studiendaten zu Tamiflu zur Verfügung. In der Folge werteten die Wissenschaftler 20 Studien zu Tamiflu und 26 zu Relenza mit insgesamt 24'000 Teilnehmern aus.

Roche widerspricht den Ergebnissen der Cochrane Collaboration in einer Stellungnahme. "Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten belegen, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist", heisst es darin.

Die Firma hinterfragt die Methodik der Wissenschaftler. Sie sehe das Gremium, "das sich selbst als unerfahren im Umgang mit grossen Datenmengen aus klinischen Studienberichten bezeichnet, nicht als Instanz zur Beurteilung des Nutzens" dieser Medikamente an. Es hätte zudem nur 20 der 77 vorgelegten Studien analysiert.

Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration präzisiert, dass sie nur jene Studien berücksichtigt hätten, die ihren bereits 2010 veröffentlichten Einschlusskriterien entsprachen. Tatsächlich hätten sie über 160'000 Seiten klinischer Studiendaten durchforstet - die für Zulassungsbehörden bestimmten Daten - was in der Tat in dieser Vollständigkeit noch nie gemacht worden sei.

Kritik vor allem an Behörden
"Die Zulassungsbehörden sollten das machen", kritisierte Jefferson. Die US-Arzneimittelbehörde FDA, die als einzige Behörde die Daten gründlich angeschaut hatte, hätte schon vor 15 Jahren nur eine "mässige" Wirkung der Grippemittel gefunden, schreiben Jefferson und Kollegen im BMJ.

Die Autoren äussern die Hoffnung, dass die Gesundheitsbehörden und die WHO angesichts ihrer Ergebnisse ihre Empfehlungen überdenken, die auf unbewiesenen Annahmen zur Wirksamkeit beruhten und auf deren Basis Pandemiepläne in aller Welt erstellt würden. "Wir müssen handeln, damit künftige Entscheide nicht auf unvollständigen Daten gefällt werden." (sda)