Flop in den USA: Ricola stoppt den Verkauf seiner Immunitäts-Bonbons

In 18'000 Supermärkten in den USA verkaufte die Baselbieter Traditionsfirma neue Pastillen unter der Marke «Ricola Herbal Immunity». Doch nun wurde die Innovation vom Markt genommen. Es ist eine sinnbildliche Niederlage.

Benjamin Weinmann
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Der Klassiker: Mit den Ricola-Kräuterzuckern ist die Firma erfolgreich. Bei den Innovationen hapert es jedoch zum Teil.

Der Klassiker: Mit den Ricola-Kräuterzuckern ist die Firma erfolgreich. Bei den Innovationen hapert es jedoch zum Teil.

Nicole Nars-Zimmer Niz / BLZ

In den USA ist Ricola ein allseits bekannter Name. Wenn Amerikaner hüsteln, greifen sie oft auf die Bonbons der Baselbieter Traditionsfirma zurück. In Tausenden Lebensmittelgeschäften sind die Lutschbonbons erhältlich, die allesamt in Laufen BL produziert werden.

Doch Ricola wollte mehr. 2016 lancierte die Firma in Nordamerika die neue Marke «Ricola Herbal Immunity», die in den Regalen von US-Supermärkten gleich neben Medikamenten wie Hustensirups, Grippetabletten und Nasensprays platziert wurde. Sie war bei allen grösseren Einzelhändlern wie Walmart, Target, CVS, Walgreens und Rite Aide erhältlich, insgesamt in 18000 Filialen.

Die Rede war stets von einem Test. Und nun zeigt sich: Der Test ist gefloppt. «Die Ergebnisse waren nicht so vielversprechend, wie wir uns erhofft hatten», sagt eine Sprecherin. Man habe die Herbal-Immunity-Produkte deshalb per 2019 wieder aus dem Sortiment genommen, um sich auf andere Wachstumsmärkte zu konzentrieren. Eine Analyse, weshalb die Produkte nicht erfolgreich waren, hat Ricola offenbar nicht durchgeführt. Denn zu den möglichen Gründen will die Sprecherin keine Stellung nehmen: «Darüber liesse sich nur spekulieren.»

Der Tabubruch in den USA

Zur inzwischen abgesetzten Immunitäts-Linie gehörte auch ein Geleebonbon, das mit einem Partner in den USA produziert wurde. Dies war in der Firma unter der Führung Verwaltungsratspräsident Felix Richterich ein Tabubruch. Denn ansonsten werden alle Ricola-Produkte in der Schweiz hergestellt.

Je nach Packung und Geschäft kosteten die Ricola-Neuheiten zwischen 7 und 10 Dollar – also deutlich mehr als die üblichen Ricola-Bonbons. Sie enthielten nebst den herkömmlichen Schweizer Bergkräutern die Vitamine C; B6 und B12 und die Gelees zudem Ginseng. Diese als Nahrungsergänzungsmittel eingestuften Produkte sollten nicht nur die Immunität der US-Kundschaft stärken, sondern auch bei Müdigkeit helfen.

Dass der Test in den USA lanciert wurde, begründete Ricola damals damit, dass dort das Geschäft mit Produkten zur Stärkung des Immunsystems wachse. Allerdings hat in diesem Bereich die Marke Airborne, die zum britischen Nahrungsmittelkonzern Reckitt Benckiser gehört, seit Jahren eine starke Stellung – möglicherweise zu stark für Ricola. Doch es fragt sich, ob die Baselbieter beim Timing des Rückzugs falsch lagen. Ein paar Monate später brach schliesslich die Corona-Krise aus. Und da dürfte sich der eine oder andere Kunde wohl mit jeglichen Immunitätsprodukten eingedeckt haben.

Rochaden in der Familienfirma

Der Misserfolg ist auch eine Niederlage für Raphael Richterich, den Sohn von Präsident Felix Richterich. Von 2017 bis 2019 war der 35-jährige Marketingchef und damit zuständig für alle Innovationen der Firma, die rund 500 Mitarbeitende zählt. Inzwischen ist er Vizepräsident des Verwaltungsrats. Seine Position übernommen hat die 46-jährige Eva Richterich, die Cousine des Präsidenten. Sie sass von 2014 bis 2019 im Verwaltungsrat und leitet die Innovationsabteilung RicoLAB, die 2016 als eigenständige Tochtergesellschaft gegründet wurde, um Geschäftsideen ausserhalb der bisherigen Bonbon-Branche zu entwickeln. Ohne namhafte Resultate vorweisen zu können, wurde die Abteilung kürzlich aber in die Firma integriert, wie CEO Thomas P. Meier in der «Handelszeitung» bekannt gab.

Die Ricola-Kräuterbonbons sind in mehr als 50 Ländern erhältlich, wo über 90 Prozent des Firmenumsatzes erzielt werden. Zuletzt betrug dieser 340 Millionen Franken. Doch der USA-Flop ist sinnbildlich für die steten Bemühen von Ricola, das Kerngeschäft weiterzuentwickeln, was bisher abgesehen von Ricola-Tee-Beuteln nicht gelang. Auch der Versuch mit Ricola-Kaugummis war vor einigen Jahren misslungen. Eine Sprecherin betont dennoch, Innovation bleibe ein treibender Faktor in der Firma und man arbeite stets an Produktneuheiten, so wie zum Beispiel an der vor kurzem lancierten Linie «Multi-Active», deren Bonbons einen Sirup enthalten wie beispielsweise Menthol. Auch diese neuen Produkten stehen im Gesundheitsregal.