Flirt mit dem «Bösewicht»

Noch im letzten Jahr wollte der amerikanische Saatgut-Spezialist Monsanto die Basler Syngenta schlucken. Jetzt droht Monsanto selbst die Übernahme – durch den deutschen Chemieriesen Bayer.

Christoph Reichmuth/Berlin
Merken
Drucken
Teilen
Bald der weltgrösste Saatguthersteller? Blick auf den Hauptsitz von Bayer in Leverkusen. (Bild: ap/Frank Augstein)

Bald der weltgrösste Saatguthersteller? Blick auf den Hauptsitz von Bayer in Leverkusen. (Bild: ap/Frank Augstein)

Mit der Übernahme des Konkurrenten Monsanto könnte der deutsche Chemieriese Bayer zum weltweit führenden Unternehmen beim Pflanzenschutz und Saatgut werden. Die Monsanto-Geschäftsführung sprach von einer unverbindlichen, unerbetenen Offerte. Der Verwaltungsrat des Konzerns werde das Angebot nun eingehend prüfen. Sollte die Übernahme klappen, wäre dies für Bayer der mit Abstand grösste Firmenzukauf der Geschichte. Monsanto wird aktuell mit rund 42 Milliarden Dollar bewertet. Experten in Deutschland gehen aber davon aus, dass Bayer im Falle eine Übernahme um die 60 Milliarden Dollar bieten müsste. Der US-Konzern ist mit seiner umfangreichen Gentechnik-Forschung führender Produzent von Saatgut, zugleich aber auch höchst umstritten. Bei Umweltschützern und Gegnern des Freihandelsabkommens TTIP gehört Monsanto zu den meist verhassten Konzernen der Welt, die FAZ schreibt vom «Bösewicht des Mittleren Westen». Im Pflanzenschutzgeschäft ist der Konzern, der auch Genmais produziert, mit dem weltweit meistgenutzten Unkraut-Vernichter «Roundup» auch in Europa präsent. Das Produkt enthält den möglicherweise krebserregenden Wirkstoff Glyphosat. Für das Pflanzengift läuft Ende Juni die Zulassung in der Europäischen Union aus. Diese Woche konnten sich Vertreter der EU-Mitgliedstaaten nicht darüber verständigen, ob die Genehmigung für das Pflanzenschutzmittel verlängert werden soll oder nicht.

Chemiebranche unter Druck

Noch im vergangenen Jahr versuchte das vor mehr als hundert Jahren in Missouri gegründete Unternehmen, den Basler Konkurrenten Syngenta zu schlucken – nun werden die Amerikaner selbst zum Übernahmekandidaten. Für das im August endende Geschäftsjahr zeichnet sich bei Monsanto ein kräftiger Umsatz- und Gewinnrückgang ab. Laut dem «Handelsblatt» verbuchte der Konzern zuletzt einen Rückgang seiner Erlöse um 16 Prozent. Der Betriebsgewinn halbierte sich nahezu. Geplant ist auch ein Abbau der Stellen.

Die gesamte Chemiebranche steht wegen der niedrigen Preise für Agrarrohstoffe und Turbulenzen in Schwellenländern derzeit unter grossem Druck. Nach weiteren Fusionen in der Branche steht nach Meinung von Analysten nun auch Monsanto unter Zugzwang, sich einen Partner zu suchen. Der Zeitpunkt für eine Übernahme scheint für Bayer gerade günstig. Nach Angaben des deutschen Chemieriesen würde ein Zusammenschluss den Konzern stärken und ein «führendes integriertes Agrargeschäft schaffen», wie ein Bayer-Sprecher gestern sagte. Mit einem Kauf von Monsanto würde Bayer nicht nur zum weltgrössten Saatguthersteller aufsteigen, sondern würde auch Syngenta vom Spitzenplatz unter den Pflanzenschutz-Anbietern ablösen.

Deal wird noch geprüft

Allerdings ist der geplante Deal nicht in trockenen Tüchern. Der mögliche Verkauf müsste kartellrechtliche Hürden vor allem in den USA meistern. Für ein Zusammengehen spricht, dass Monsanto in den USA stärker aufgestellt ist, Bayer hingegen in Europa und Asien. Gemeinsam würden die Unternehmen gut ein Viertel der weltweit verkauften Pflanzenschutzmittel absetzen.

Geprüft wird auch der Verkauf des Schweizer Agrochemie-Konzerns Syngenta für 43 Milliarden Dollar an den chinesischen Staatskonzern Chem China. Einige Kartellbehörden müssen dem Verkauf zustimmen, unter anderem das US-Agrarministerium. Bis Ende Jahr soll der Verkauf über die Bühne gehen. Experten empfehlen das Angebot von ChemChina anzunehmen. Der Angebotspreis wird als grosszügig eingeschätzt.