Firmenkultur als Unkultur

Die Unternehmenskultur der Bankenindustrie begünstigt unehrliches Verhalten. Das legt eine Studie der Universität Zürich nahe. Wissenschafter fordern nun eine moralische Verpflichtung per Eid.

Ulrich Glauber
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Hinter den dicken Mauern von Banken wird oft unethisch gehandelt. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Hinter den dicken Mauern von Banken wird oft unethisch gehandelt. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

FRANKFURT. Für Banken sind die Ergebnisse der Studie alles andere als schmeichelhaft. Die Forscher Ernst Fehr und Michel Maréchal vom Institut für Volkswirtschaft an der Universität Zürich sowie Alain Cohn von der Universität Chicago befragten 200 Bankangestellte, davon 128 von einer internationalen Grossbank und 80 von anderen Banken. Laut der Universität Zürich legt die Untersuchung nahe, dass «die Unternehmenskultur der Bankenindustrie implizit unehrliches Verhalten begünstigt». «Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die sozialen Normen in der Bankenindustrie unehrliches Verhalten eher tolerieren und damit zum Reputationsverlust der Banken beitragen», sagt Mitautor Maréchal. Für den Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung lässt sich daraus schliessen, dass die gezielte Umsetzung einer gesunden Unternehmenskultur für die Wiederherstellung des Vertrauens in die Bankenindustrie von grosser Bedeutung ist.

Eid des Hippokrates als Vorbild

Cohn schwebt vor, ehrliches Verhalten durch einen professionellen Eid ähnlich dem hippokratischen Eid für Ärzte zu fördern. Würde ein solcher Eid durch Ethik-Training und passende finanzielle Anreize unterstützt, könnten Bankmitarbeiter dazu gebracht werden, stärker auf die langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Verhaltens zu fokussieren anstatt auf ihren eigenen, kurzfristigen Nutzen, sagt Cohn, der an der Booth School of Business der Universität Chicago forscht.

Dass schon im eigenen Interesse bei den Banken Handlungsbedarf besteht, lässt der Bericht «Talent in Banking 2014» von Deloitte vermuten. Die Beratungsfirma hat dafür 174 000 Studenten in 31 Ländern mit wichtigen Finanzsektoren befragen lassen. Für die Schweiz ergab sich, dass für hiesige Wirtschaftsstudenten eine Karriere im Bankwesen immer noch an zweiter Stelle punkto Wunschberuf steht. Die Beliebtheit des Finanzsektors bei Berufsanfängern lässt allerdings stark nach, warnte Deloitte gestern. Banken müssten betreffend ihr Image als Arbeitgeber gehörig nachlegen, um im Wettbewerb um die besten Köpfe zu bestehen.

Ackermann: Problem erkannt

Der frühere Topbanker Josef Ackermann zeigt sich daher zweieinhalb Jahre nach seinem Ausscheiden als Chef der Deutschen Bank selbstkritisch. «Problematisch wird es, wenn vor lauter Kampf und Wettbewerb ethisch-moralische Grundsätze verlorengehen», sagte Ackermann Anfang Oktober dem Düsseldorfer «Handelsblatt». Die Finanzindustrie sei in den Jahren vor der Krise von 2008 in manchen Punkten auf dem falschen Weg gewesen. So sei sich die Konzernleitung der Deutschen Bank «ziemlich einig» gewesen, dass das Boni-System jeden Bezug zur Realität verloren hatte. Lehren aus der Krise scheint die Finanzbranche allerdings bis heute nicht gezogen zu haben.

«Eine neue Radikalität»

Für den früheren HSG-Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann hat «in den letzten Jahren – übrigens nicht nur bei den Banken – eine neue Radikalität im Management Einzug gehalten». Resultat sei, dass man «hier nicht nur Illegitimes, sondern auch Illegales tut», sagte der Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik in Berlin jüngst der «Aargauer Zeitung». «Das heutige Boni-System korrumpiert die Unternehmen moralisch.»