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Firmen rüsten sich für den Brexit-Ernstfall

Die britische Regierung bleibt dabei: Notfalls erfolgt der Brexit ohne Vereinbarung mit der EU. Die Unternehmen auf der Insel treffen Vorkehrungen und warnen vor schwerwiegenden Folgen.
Sebastian Borger, London
Ein Dyson-Mitarbeiter testet einen Roboterstaubsauger.  Bild: Simon Dawson/Bloomberg (Malmesbury, 5. Oktober 2016)

Ein Dyson-Mitarbeiter testet einen Roboterstaubsauger. 
Bild: Simon Dawson/Bloomberg (Malmesbury, 5. Oktober 2016)

Da die britische Regierung von Premierministerin Theresa May ausdrücklich an der Möglichkeit eines Chaos-Brexit («No Deal») festhält, setzen die Unternehmen auf der Insel neun Wochen vor dem geplanten Austrittstermin zunehmend ihre Notfall­pläne um. Der japanische Elek­tronikkonzern Sony verlegt sein EU-Hauptquartier von London nach Amsterdam. Die 180 Jahre alte Fährlinie P&O flaggt ihre Ärmelkanal-Fähren nach Zypern aus. Scharfe Kritik handelte sich Staubsauber-König James Dyson ein, der vor dem Referendum lautstark für den EU-Austritt ­geworben hatte. Die Verlegung seines Hauptsitzes von England nach Singapur zeuge von «niederschmetternder Heuchelei», empörte sich die Liberaldemokratin Layla Moran. Das Unternehmen begründete den Umzug mit der zunehmenden Bedeutung des Asiens-Geschäfts.

Zwar dient die Verlegung von Firmensitzen häufig nur rechtlichen Erfordernissen und hat nicht unbedingt Jobverluste zur Folge. Dyson-Staubsauger werden schon seit 15 Jahren nicht mehr in England, sondern in Malaysia produziert. Ein Firmensprecher erläuterte, lediglich die für Finanzen und Recht zuständigen Vorstandsmitglieder würden künftig in Singapur arbeiten. Dass aber ausgerechnet die Firma eines Brexit-Vorkämpfers gerade jetzt den Schritt macht, trägt zur hochnervösen Atmosphäre in der britischen Wirtschaft bei.

Ähnliche Reaktionen zog vor Monaten auch die Mitteilung nach sich, wonach der Vermögensverwalter des konservativen Unterhaus-Abgeordneten und gelernten Bankers Jacob Rees-Mogg nach Dublin umzieht. Grosse Unternehmen wie zum Beispiel der Turbinenbauer Rolls-Royce sowie Automobilhersteller wie Nissan und Jaguar Land Rover haben bereits zweistellige Millionenbeträge in die Brexit-Vorsorge investiert, ihre Lagerhaltung erhöht, Entlassungen oder Kurzarbeit angekündigt. Die VW-Tochter Bentley spricht vom Brexit als dem «Killer» für die Profitabilität. Logistikexperten warnen angesichts der begrenzten Kapazität und möglicher Zeitverluste durch Zollkontrollen vor LKW-Schlangen von mehreren Dutzend Kilometern vor den Häfen am Ärmelkanal.

Grosse Banken stärken ihre Aussenposten

Der Geschäftsführer des Bauunternehmens Beechwood Homes sieht die Möglichkeit eines «No Deal» in Zusammenhang mit dem starken Abschwung in der Bauwirtschaft insgesamt. Da die Produktion von Zulieferern in der EU abhängig sei, könnten die Folgen «zur Schliessung unseres Unternehmens führen», warnt Robert Parker. Ähnliche Hiobsbotschaften gibt es auch aus der milliardenschweren Sandwichbranche, bei Pharma-konzernen und Chemiefirmen.

Das Signal aus der Wirtschaft könne klarer nicht sein, bekräftigt Carolyn Fairbairn vom Lobbyverband CBI: «Der ‹No Deal› sollte sofort ausgeschlossen werden.» Nur so lasse sich bleibender Schaden von britischen Unternehmen abwenden.

Viele Marktteilnehmer in der City of London, dem grössten internationalen Finanzzentrum der Welt, haben bereits Vorkehrungen gegen den Chaos-Brexit getroffen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat Büros in Frankfurt, Paris und Mailand verstärkt, die Bank of America verlegt ihren Europa-Hauptsitz nach Dublin, die grossen australischen Banken CBA und Macquarie haben Dependancen in Amsterdam und Dublin gegründet. Einer Studie des Beratungsunternehmens EY zufolge plant rund ein Drittel von 222 befragten Finanzunternehmen den teilweisen oder gänzlichen Wegzug aus London, um weiter vom EU-Finanzbinnenmarkt zu profitieren. Bei Währungshändlern gewinnt offenbar Optimismus an Boden, Grossbritannien werde den «No Deal» vermeiden. Das Pfund hat in den vergangenen Tagen gegenüber Dollar und Euro Boden gutgemacht. Grund sei die wachsende Zuversicht, dass sich im Unterhaus eine Mehrheit gegen «No Deal» formiert, glaubt Andrew Scott vom Finanzberater JCRA: «Wenn der Worst Case nicht mehr im Spiel ist, sieht das Pfund schon deutlich weniger risikobehaftet aus.»

Tatsächlich haben Parlamentarier vor der nächsten wichtigen Brexit-Abstimmung am Dienstag ihre Änderungsanträge vorgelegt. Breite Unterstützung geniesst dabei die frühere Labour-Ministerin Yvette Cooper; sie will die Regierung zwingen, den vorgesehenen Austrittstermin aufs Jahresende zu verlegen. Dies würde die Tür zu Neuwahlen oder einem zweiten Referendum öffnen; Letzteres könnte Verfassungsexperten am Londoner University College zufolge binnen fünf Monaten über die Bühne gehen.

Milliarden für den Ernstfall

Allerdings soll «No Deal» zum vorgesehenen Termin (Mitternacht des 29. März) nach dem Willen von Premierministerin May unbedingt im Spiel bleiben – so sagte sie es jedenfalls am vergangenen Dienstag britischen Presseberichten zufolge ihrem Kabinett. Ihre oberste Pflicht sei die Umsetzung des vom Volk beschlossenen Brexit, erwiderte die Regierungschefin jenen Ministern wie Amber Rudd (Soziales) und David Gauke (Justiz), die einen «Schlafwandel ins wirtschaftliche Unglück» beschworen.

Vom WEF in Davos aus teilte vergangene Woche Aussenhandelsminister Liam Fox, einer der führenden Brexiteers im Kabinett, den BBC-Zuhörern mit, das politische Ziel sei wichtiger als «kurzfristige ökonomische» Effekte: «Wir handeln auf Anordnung des britischen Volkes.»

Finanzminister Philip Hammond sorgte vergangene Woche derweil für Aufsehen, weil er bei einer Telefonschaltung mit wichtigen Unternehmensleitern den Ausschluss von «No Deal» in Aussicht stellte. Sein Ressort hat Milliarden für den Ernstfall zur Verfügung gestellt. Dazu zählen die Einstellung Tausender von Mitarbeitern für den behördlichen Krisenstab und die Finanzierung zusätzlicher Polizeikräfte, die wegen Problemen mit der Lebensmittel- und Medikamentenversorgung Krawalle befürchten. Verteidigungs­minister Gavin Williamson hat 1000 Soldaten zur Unterstützung der Sicherheitskräfte in Aussicht gestellt.

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