Finanzplatz London kommt nicht zur Ruhe

Die Aufsichtsbehörden greifen wegen Geldwäscherei und Betrugs in der Finanzindustrie hart durch. Investmentbanker stöhnen über Strafverfahren, Lohnkürzungen und Entlassungen.

Sebastian Borger
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Martin Wheatley (Bild: pd)

Martin Wheatley (Bild: pd)

LONDON. Das wichtigste Finanzzentrum der Welt kommt nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Nach der Milliardenstrafe für HSBC wegen Geldwäscherei in Mexiko hat jetzt die britische Betrugsbehörde SFO erstmals einzelne Banker in der City of London wegen des Skandals um die Manipulation des Zinssatzes Libor ins Visier genommen. Ein früherer Händler der UBS und der US-Bank Citigroup sowie zwei Mitarbeiter des Börsenmaklers RP Martin wurden vorübergehend festgenommen. Nach der Bank Barclays, die bereits im Sommer mit einer Rekordstrafe von umgerechnet 435 Mio. Fr. belegt worden war, stehen nun offensichtlich die UBS und die Royal Bank of Scotland (RBS) vor einer Einigung mit den Aufsichtsbehörden beidseits des Atlantiks. Beiden Geldinstituten drohen deutlich höhere Strafen als Barclays.

«Vertrauen zurückgewinnen»

Weil die britische Finanzaufsicht FSA keine strafrechtliche Handhabe gegen Individuen hat, entschloss sich die SFO im Sommer zu einem eigenen Libor-Ermittlungsverfahren. Für Grossbritannien ist eine rasche und umfangreiche Klärung der Vorgänge sehr wichtig. «Wir müssen das verlorengegangene Vertrauen ins ganze System zurückgewinnen», sagt der zuständige FSA-Abteilungsleiter Martin Wheatley. Barclays macht einen eigenen Schritt zu seriöserem Geschäftsgebaren: Dem neuen Bankchef Antony Jenkins arbeitet künftig der frühere FSA-Chef Hector Sants in einer neu geschaffenen Rolle als interner Chef-Aufseher zu.

Der Manipulationsskandal um den Libor hat Londons Ruf als Finanzplatz erheblich geschadet. Dem Zinssatz liegen weltweite Finanztransaktionen im Umfang von mindestens 500 000 Mrd. $ zugrunde. Neben Barclays stehen 20 weitere Institute im Verdacht, die Libor-Angaben zu ihrem Vorteil manipuliert zu haben. Der britische Finanzminister George Osborne nannte namentlich RBS, Citigroup und UBS; hinzu kommen Banken wie Credit Suisse, Bank of Tokyo Mitsubishi und JP Morgan. Die Vorwürfe beziehen sich auf die Jahre 2005 bis 2009.

Zu wichtig für Strafverfolgung

Aus der Boomzeit vor der Finanzkrise stammen auch die Vorwürfe gegen HSBC. Deren südamerikanischer Ableger leistete Beihilfe zur Wäsche von Drogengeldern in Kolumbien und Mexiko. Von einer Strafverfolgung sahen US-Behörden nur ab, weil HSBC als zu wichtig für die Finanzwelt angesehen wird. Stattdessen muss die Bank 1,9 Mrd. $ bezahlen und unterliegt strengen Auflagen der Aufsichtsbehörden. Der Rivale Standard Chartered muss den US-Behörden 667 Mio. $ Strafe bezahlen, weil die Bank Iran-Sanktionen verletzt hatte.

Zunehmend wendet sich die Aufmerksamkeit der Strafverfolger einzelnen Bankern zu. Man werde ihnen genauer auf die Finger schauen, sagt Wheatley, der nach der Abwicklung der FSA im kommenden Jahr Leiter der neuen Konsumentenschutz-Behörde FCA wird: «Wenn die Strafen härter wären, würden mehr Leute freiwillig mit uns kooperieren.»

Bangen um den Bonus

Die Ahndung krimineller Delikte mit Rekordstrafen tragen zu düsterer Stimmung in der City bei. Für die Zukunft ist allerorten von Stellenstreichungen, niedrigeren Boni und härteren Auflagen die Rede. Allein bei UBS in London sollen 4500 Investmentbanker ihre Jobs verlieren. Wie ein Flehen tönt es, wenn Analyst Matt Spick von der Deutschen Bank sagt: «Der Bonuspool kann kaum noch weiter schrumpfen, wenn man vernünftige Anreize behalten will.» Auch die Politik macht den Händlern wenig Freude. Der Lieblingsfeind sitzt weiterhin in Brüssel: «Muss sich die City vor Europa fürchten?», lautete das Motto einer Veranstaltung in der Guildhall, an der die Ideen von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier zur besseren Regulierung der Finanzmärkte zerfetzt wurden.