FINANZKRISE: Ein tragischer Held

Vor einer Dekade spielte Henry Paulson als US-Finanzminister eine zentrale Rolle. Noch heute muss er sich für die staatliche Rettung der Wall Street verteidigen.

Renzo Ruf, Washington
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Der frühere US-Finanzminister Henry Paulson. (Bild: Simon Dawson/Getty)

Der frühere US-Finanzminister Henry Paulson. (Bild: Simon Dawson/Getty)

Renzo Ruf, Washington

Es ist still geworden um Henry «Hank» Paulson. Der 71-jährige Politiker und Geschäftsmann im Ruhestand ist dieser Tage vor allem bestrebt, die Beziehungen zwischen den USA und China zu verbessern, auch weil diese «zunehmend schwierig und komplex» seien. Als Vorsitzender des gemeinnützigen Paulson Institute, das der Multimillionär 2011 ins Leben gerufen hatte, steht er drei Dutzend Angestellten vor, die sich mit Finanzproblemen oder Landwirtschaftsfragen beschäftigen. Und weil Paulson ein eingefleischter Umweltschützer und Vogelliebhaber ist, kümmert sich die Denkfabrik auch um bedrohte Feuchtgebiete in China.

Aus der Tagespolitik hat sich Paulson hingegen zurückgezogen – auch weil gut bekannt ist, dass er mit der populistischen Wirtschaftspolitik des amtierenden Präsidenten Donald Trump wenig anfangen kann. Trotzdem ist Paulson nicht in Vergessenheit geraten. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein wohlmeinender Geschäftsmann auf politische Zwänge reagiert – weil er vor einer Dekade der implodierenden Wall Street beistand und die Liquiditätsprobleme der Banken behob. Dabei bezeichnet sich der langjährige Investmentbanker, der von 1974 bis 2006 für Goldman Sachs arbeitete, doch als «starken Befürworter» der freien Marktwirtschaft, wie er in seinen 2010 erschienenen Memoiren schreibt. Nie habe er deshalb die Absicht verfolgt, einer Branche zu helfen, deren riskante Wetten auf höhere Immobilienpreise spektakulär gescheitert waren.

Finanzminister auf dem falschen Fuss erwischt

Aber bekanntlich kam alles anders. Dabei war Paulson keinesfalls unvorbereitet auf die Panik an der Wall Street. Bereits im August 2006 hatte er während eines Treffens mit Präsident George W. Bush vor der nächsten Finanzkrise gewarnt. Er nannte auch einen möglichen Verursacher: die Zunahme des Handel mit undurchsichtigen Derivaten, Finanzprodukten ohne genügend Sicherheiten. Doch als die Krise dann ein Jahr später losbrach, weil die Blase auf dem Immobilienmarkt nach Jahren wilder Spekulationen geplatzt war, da wurde Paulson auf dem falschen Fuss erwischt.

Das entscheidende Kapitel begann mit Bear Stearns. Im März 2008 sprach die Investmentbank bei den Aufsichtsbehörden vor, weil sie unter Liquiditätsproblemen litt. Paulson liess sich von der US-Notenbank überzeugen, dass eine staatliche Rettung notwendig sei – obwohl die Bank mit Guthaben von 395 Mrd. $ (Ende November 2007) vergleichsweise klein war. «Meine Erfahrung mit den Märkten führte mich zur Schlussfolgerung, dass die Risiken für das System zu gross waren», schreibt Paulson in seinen Memoiren. Diese Analyse treffe nach wie vor zu. «Ich bin überzeugt, dass wir das Beste taten, mit den Werkzeugen, die uns zur Verfügung standen.» Denn ein Zusammenbruch der stark vernetzten Investmentbank hätte zu chaotischen Zuständen auf den Finanzmärkten geführt.

«Ich kann das nicht noch einmal tun»

Also fädelten die Aufsichtsbehörden einen staatlich subventionierten Notverkauf Bear Stearns’ an die Grossbank JP Morgan Chase ein. Damit schuf Paulson allerdings auch einen Präzedenzfall, für den er ein halbes Jahr später teuer bezahlte: Als im Sommer 2008 die Investmentbank Lehman Brothers ins Taumeln geriet, richteten sich die Hoffnungen erneut auf das Finanzministerium. Während Lehman-Chef Richard Fuld verzweifelt einen Käufer suchte, ging die Wall Street davon aus, dass der Staat Lehman nötigenfalls beistehen würde. Doch dieses Mal weigerte sich Paulson, auch mit Blick auf das negative Signal einer solchen Rettungs­aktion. Mitte September 2008 sagte Paulson gegenüber Notenbankchef Ben Bernanke: «Ich kann das nicht noch einmal tun.»

Der linke Wirtschaftsprofessor Alan Blinder ist der Meinung, dass eine staatliche Geldspritze von 12 Mrd. bis 60 Mrd. $ gereicht hätte, um der britischen Bank Barclays eine vollständige Übernahme Lehmans schmackhaft zu machen. Barclays riss sich nach dem Konkurs Lehmans deren Hauptgeschäft unter den Nagel.) Angesichts der Milliardenkredite, mit denen der Staat wenige Wochen später der ganzen Wall Street beistehen musste, hätte es sich dabei um einen Pappenstiel gehandelt, sagt Blinder. Andere Beobachter verweisen aber auch darauf, dass eine Rettung nicht im luftleeren Raum erfolgt wäre – so kämpften im September 2008 auch die Grossbank Wachovia und die Sparkasse Washington Mutual ums Überleben.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Mitte Oktober genehmigte der US-Kongress einen 700 Mrd. $ schweren Rettungsfonds für die Wall Street, von dem dann 60% temporär ausgeliehen wurden. Dank des Geldes wurden viele Banken aufgepäppelt, die Autoindustrie gerettet und der Versicherer AIG vor dem Kollaps bewahrt. Die staatliche Rettung führte aber auch zu Wut und Verzweiflung im Volk, da in der Krise Hunderttausende Menschen Job und Haus verloren.

Paulson räumt rückblickend Fehler ein. So gelang es ihm zwar, Washington von seinen Plänen zu überzeugen – das Volk aber vergass er dabei. Grosso modo aber ist Paulson mit sich im Reinen. In seinen Memoiren schreibt er: «Die Finanzkrise war beispielslos und bedurfte deshalb auch einer beispiellosen Intervention.»