FINANZEN: Schuldenberg erdrückt Casinodorf

Die italienische Enklave Campione d’Italia am Luganersee ist praktisch bankrott. Sie leidet unter dem starken Franken. Jetzt droht die Zwangsverwaltung.

Gerhard Lob, Campione D’italia
Drucken
Teilen
30 Millionen fehlen in der Gemeindekasse, 106 Millionen Franken der gemeindeeigenen Spielbank, dem Casinò Municipale. (Bild: PD)

30 Millionen fehlen in der Gemeindekasse, 106 Millionen Franken der gemeindeeigenen Spielbank, dem Casinò Municipale. (Bild: PD)

Gerhard Lob, Campione d’Italia

Die Bürgerversammlung fand im Festsaal der Spielbank statt. Doch von Feststimmung keine Spur. Roberto Salmoiraghi, Gemeindepräsident der italienischen Enklave Campione d’Italia, musste den Anwesenden vor wenigen Tagen schlechte Nachrichten überbringen: «Die Finanzlage unserer Gemeinde ist dramatisch.» Tatsächlich wird Campione, ein kleines Fleckchen Erde am Luganersee mit 2000 Einwohnern, das zu Italien gehört und von der Schweiz umzingelt ist, von einem gewaltigen Schuldenberg erdrückt.

30 Millionen Franken fehlen der Gemeindekasse, ganze 106 Millionen Franken der gemeindeeigenen Spielbank, dem Casinò Municipale, das sich in einem gigantischen, von Stararchitekt Mario Botta erbauten Palast befindet. Fast 140 Millionen Schulden lasten somit auf diesem Städtchen, das einst dank der Spielbank eine Milchkuh war und aufgrund eines für Italien astronomischen Pro-Kopf-Einkommens allseits beneidet wurde.

Tempi passati. Das Blatt hat sich vollkommen gewendet. Die Gemeinde- und Spielbankangestellten haben ihre Juni-Löhne noch nicht erhalten. Und auch in der Schweiz wartet man auf Geld: Allein bei der Stadt Lugano steht Campione mit 1,38 Millionen Franken in der Kreide, Rechnungen der Feuerwehr Melide sind nicht beglichen.

Grund für die desaströse Finanzlage ist die Währungsentwicklung zwischen Euro und Franken in Verbindung mit der Sonderstellung des Ortes. Denn das Casino macht seinen Gewinn in Euro und überwies stets einen festen Betrag an die Stadt, die ihre Bilanzen in Franken ausweist. Doch das Modell ist zusammengebrochen, da die Euro-Einnahmen nicht mehr ausreichen, den Franken-Betrag zu generieren. In den letzten 10 Jahren ist der Eurokurs von 1.65 Franken auf 1.10 Franken zusammengebrochen. Die Löhne müssen auf hohem Niveau in Franken ausbezahlt werden. Trotz eines ansehnlichen Bruttospielertrags der Spielbank in Höhe von 92 Millionen Euro (2016) reicht der Gewinn nicht mehr für alle Aufwendungen aus.

Auswege dringend gesucht

Der Arzt Roberto Salmoiraghi, der schon früher jahrelang die Geschicke der Gemeinde leitete und auch mal mit der Justiz in Konflikt stand, ist erst seit einem Monat wieder Sindaco. Er war der einzige Kandidat, nachdem kein anderer Politiker für das Amt kandidieren wollte. Nun muss er schauen, wie sich die Situation sanieren lässt. Bereits hat er die Reise zur Hausbank Banca Popolare di Sondrio im Veltlin angetreten, um an neue Kredite zu kommen.

Zudem hofft er auf eine Finanzspritze von 7 Millionen Euro aus Rom aus einem Notfonds. «Damit könnten wir erst einmal die nächsten drei bis vier Monate überstehen», sagte Salmoiraghi. Andernfalls droht eine Zwangsverwaltung. Derweil sind die Campionesi bereit, den Gürtel enger zu schnallen. Die grosse Mehrheit der Gemeindeangestellten – 98 von 103 – haben akzeptiert, die Löhne um 10 Prozent zu reduzieren; die Spielbankangestellten werden gar 33 Prozent weniger verdienen. Wenigstens äusserlich merkt man nichts von der tiefen Krise: Die Strassen sind geputzt, die Blumentöpfe bepflanzt. Doch das kann die Wahrheit nicht verschleiern: Rien ne va plus.