Online-Optiker

Fielmann-Konkurrent Mister Spex nimmt den Schweizer Markt ins Visier

Der Online-Optiker Mister Spex hat grosse Pläne im deutschsprachigen Raum.

Benjamin Weinmann
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Vom Onlinehändler zum stationären Optiker: «Mister Spex» will zahlreiche Shops eröffnen. Philip Nürnberger

Vom Onlinehändler zum stationären Optiker: «Mister Spex» will zahlreiche Shops eröffnen. Philip Nürnberger

Philip Nuernberger

Der Schweizer Markt rückt in den Fokus des deutschen Online-Optikers Mister Spex. Kürzlich kündigte Gründer und Geschäftsführer Dirk Graber im «Handelsblatt» an, sein Filialnetz, das heute aus zehn Filialen besteht, im deutschsprachigen Raum deutlich ausweiten zu wollen. Gegenüber der «Nordwestschweiz» sagt Graber auf Anfrage: «Wir planen die Eröffnung weiterer Geschäfte und können uns langfristig eine Zahl im dreistelligen Bereich vorstellen.» In welchem Zeitraum und in welchen Städten dies geschieht, stehe noch nicht konkret fest. Aber: «Geschäfte in der Schweiz sind dabei generell möglich.»

Mit dieser Ankündigung dürfte «Mister Spex» bei den beiden hiesigen Marktführern Visilab und Fielmann für Nervosität sorgen. Bisher bewegten sich beide in einer Komfortzone: Visilab, zu der auch die Kochoptik-Filialen gehören, steigerte den Umsatz 2017 um 6 Prozent auf 251 Millionen Franken. Dahinter folgt die deutsche Fielmann-Kette mit 206 Millionen (+3 Prozent). Allerdings kam es im Herbst zu einem bedeutenden Wechsel: Visilab-Gründer Daniel Mori verkaufte die Mehrheit am Unternehmen an die niederländische Firma Grandvision, die mit rund 6500 Geschäften und 31 000 Mitarbeitenden einer der weltgrössten Optiker ist.

Fielmann-Aktie leidet

Dirk Graber gründete «Mister Spex» vor zehn Jahren. Das Konzept: Die Kunden können aus rund 3000 Markenbrillen online auswählen und diese per Foto oder Webcam Probe tragen. Der Sehtest, die Anpassung und die Nachbetreuung übernehmen Optikergeschäfte, die mit «Mister Spex» zusammenarbeiten. Auch in der Schweiz zählt die Firma bereits einige solcher Partner.

In Deutschland sorgte Grabers Kampfansage für Aufregung. Denn sie platzte in eine Phase, in der die Fielmann-Aktie bereits auf dem niedrigsten Wert seit vier Jahren notierte. Grund war eine Gewinnwarnung der Hamburger wegen Mehrausgaben für die Digitalisierungspläne, um «Mister Spex» und Konsorten Paroli bieten zu können. Dass gleichzeitig der Berliner «Mister Spex» ankündigte, Fielmann im Filialgeschäft Kunden streitig machen zu wollen, half dem Titel nicht.

Finanzielle Rückendeckung hat «Mister Spex» von institutionellen Investoren wie Goldman Sachs und Scottish Equity Partners, wobei das Management rund um Graber einen Fünftel an der Firma hält. Im vergangenen Jahr erhielt der Online-Optiker von seinen Investoren 15 Millionen Euro nachgeschossen, um die Expansion mit Filialen zu ermöglichen. Mit dieser Strategie erhofft sich Graber, auch die ältere Kundschaft für sich zu gewinnen, die um den Onlineshop bisher einen Bogen machte. Derweil hat der 78-jährige Günther Fielmann seinen 50 Jahre jüngeren Sohn Marc neben sich in die Geschäftsleitung gehievt. Dieser soll vor allem die Digitalisierung vorantreiben, wobei sich diese bei Fielmann bis heute auf den Vertrieb von Kontaktlinsen beschränkt. Dennoch ist Fielmann in der Poleposition: Während die Aktie seit Jahren die Anleger mit Gewinnen und Dividenden überzeugt, schreibt der stark wachsende «Mister Spex» Verluste. Zuletzt waren es 8,8 Millionen Euro bei rund 92 Millionen Euro Umsatz.

Skepsis bei der Konkurrenz

Jürg Depierraz ist über die Schweiz-Pläne von «Mister Spex» nicht erstaunt, er spielt die Gefahr herunter. Depierraz vertritt als Geschäftsführer des Augenoptik-Verbandes Schweiz über 250 Fachgeschäfte, wovon die meisten zu den grossen Ketten Fielmann, Visilab und McOptik gehören. Heute sei der Verkauf nur über einen Kanal – in diesem Fall das Internet – nicht mehr erfolgreich. Für den Newcomer werde es aber nicht einfach. So sei es schwierig, gute Mitarbeitende zu finden, und der Markt sei mit dem Einkaufstourismus und der grösseren Preissensitivität der Kunden schon heute unter Druck.

Konkrete Zahlen zum Markt gibt es keine. Gemäss Schätzungen setzen die rund 1100 Optikergeschäfte hierzulande 1,5 Milliarden Franken um – rund die Hälfte davon entfällt auf die grossen Ketten. Und die Nachfrage nach Sehhilfen ist stetig steigend. Laut Optik Schweiz, dem Verband für Optometrie und Optik, lag der Anteil der Personen, die eine Sehhilfe benötigten, vor 20 Jahren noch bei 52 Prozent der Bevölkerung. Seither ist der Wert kontinuierlich auf 73 Prozent gestiegen. Grund dafür sei einerseits die demografische Entwicklung, also die zunehmend ältere Bevölkerung.

Andererseits habe aber auch in den jüngeren Altersgruppen das Tragen von Brillen und Kontaktlinsen deutlich zugenommen. Gingen 1997 noch 68 Prozent aller 14- bis 25-Jährigen ohne Sehhilfe durchs Leben, sind es heute nur noch 41 Prozent. Dies liegt laut dem Verband vor allem an den gewandelten Sehanforderungen bei der Arbeit und in der Freizeit, also am starken Gebrauch von Computern.

Dominic Ramspeck, Sprecher des Verbands Optikschweiz, der 700 vor allem kleinere Optikgeschäfte vertritt, sieht in den Ankündigungen von «Mister Spex» keine allzu grosse Gefahr für seine Mitglieder. «Die Pläne zeigen vielmehr, wie wichtig die persönliche Beratung vor Ort ist.»

Für einfache Brillengläser oder Linsen möge das Internet als Bestellkanal eine Alternative sein, sagt Ramspeck. «Aber sobald es etwas kompliziert wird, sind wir gefragt.» Deswegen rät der Verband seinen Mitgliedern, für entsprechende Serviceleistungen wie die Kontrolle oder die Brillenanpassung den Kunden etwas zu verrechnen. «Der kompetente, persönliche Service ist es, der uns von reinen Onlineoptikern abhebt.»