FHS-Studie über digitale Vernetzung: Die neue Arbeitswelt braucht neue Werte

Die Digitalisierung könnte freieres Arbeiten erlauben und mehr Innovation ermöglichen. Doch dazu müssen die Unternehmenskulturen stimmen. Oft sind diese aber zu hierarchisch und regelorientiert, meint FHS-Rektor Sebastian Wörwag.

Kaspar Enz
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Digitale Vernetzung prägt immer mehr Aspekte des Arbeitslebens.

Digitale Vernetzung prägt immer mehr Aspekte des Arbeitslebens.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Die digitale Vernetzung beeinflusst immer mehr auch den Arbeitsalltag. In der Theorie ein Grund zur Freude, denn die digitale Arbeitswelt soll den Mitarbeitern Freiheiten geben, Kreativität erlauben und Hierarchien abbauen. In der Realität zeige sich aber eine paradoxe Entwicklung, sagt Sebastian Wörwag. Einerseits setze man auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. «Andererseits deuten Studienergebnisse auf eine Tendenz zu Bevormundung und Kontrolle mit digitalen Mitteln hin», sagt der Rektor der Fachhochschule St.Gallen (FHS).

New Work Forum

Bereits zum dritten Mal führt das «HR-Panel New Work» der Fachhochschule St.Gallen ein Forum zur neuen Arbeitswelt durch. Das Thema der Veranstaltung, die am 8. Januar in der Lokremise stattfindet, laute: «Neue Arbeitswelt – Human Work Culture?». Dort stellen Sebastian Wörwag und Alexandra Cloots weitere Ergebnisse der Studie vor, die sich den Unternehmenskulturen in der neuen Arbeitswelt widmen. Ausserdem treten der Philosoph Philipp Tingler auf, sowie Steffi Burkhart, die Firmen für die neue Generation von Arbeitnehmern fit macht. (ken)

Sebastian Wörwag.

Sebastian Wörwag.

Bild: Urs Bucher

Seit drei Jahren setzt sich Wörwag mit seiner Kollegin Alexandra Cloots mit der «New Work» auseinander, der Arbeitswelt, die vor allem unter dem Einfluss der Digitalisierung entsteht. Jedes Jahr führen sie eine Umfrage durch. Die Ergebnisse der letztjährigen Studie machten auch die Schattenseiten der «New Work» sichtbar. Von den befragten Arbeitnehmenden nahm eine Mehrheit eine Zunahme von Effizienzdenken, Technik und Regeln wahr. Nur gerade zwölf Prozent fanden, ihre Organisation entwickle sich so, dass mehr Zeit und Raum für den Menschen entstehe.

Wunsch und Wirklichkeit

Wenn die Arbeitswelt auf Technik statt auf Menschen fokussiere, bewege sie sich in die falsche Richtung, befürchtet Wörwag. Deshalb widmete sich die diesjährige Umfrage den Werten und den Unternehmenskulturen, die am Arbeitsplatz vorherrschen. Denn die weichen oft von den Werten ab, die Firmen in Broschüren propagieren.

Das zeigen auch die ersten Ergebnisse der Studie. Die Forscher der FHS fragten Arbeitnehmer nach den Werten, die ihnen am Arbeitsplatz wichtig sind, und ob diese in ihrem Unternehmen gelebt werden. So ist es fast allen Arbeitnehmern wichtig, sich im Beruf selbst verwirklichen zu können, über alle Altersgruppen und Branchen hinweg. «Aber nur für jeden Zweiten ist der Anspruch auch umgesetzt», sagt Wörwag.

Enntäuschte ältere Arbeitnehmer

Besonders gross ist der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei Arbeitnehmenden zwischen 55 und 60. «In diesem Alter wollen viele ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben», vermutet Wörwag. Stattdessen blieben sie in alten Routinen gefangen. «Das kann zu Enttäuschung führen.»

Eine grosse Kluft zeigt sich auch bei den Gesundheitsberufen. Das überrascht Wörwag wenig. Hier herrsche eine Hierarchie- und Sicherheitsorientierung vor. Die Mitarbeitenden wünschten sich aber eine partizipative, menschenorientierte Kultur. Wenig überrascht ist Wörwag auch von der Regel- und Sicherheitsorientierung in der Finanzindustrie. Auch hier wünschen sich die Mitarbeitenden aber eine flexiblere und auf den Menschen ausgerichtete Kultur.

Ausgleich ist vielen wichtig

Ähnlich wichtig ist vielen Arbeitnehmenden ein Ausgleich von Beruf und Privatleben. Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist auch hier hoch, vor allem bei Arbeitnehmern Anfang 40. Das habe nicht nur mit der Digitalisierung zu tun, sagt Wörwag. «In diesem Alter können sich Betreuungsaufgaben in der Familie überlappen, was mit der Karriere schwer vereinbar ist.»

Für die Unternehmen lohne es sich, an ihrer Kultur zu arbeiten und auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen, sagt Wörwag. Denn jede Strategie sei nur so gut, wie die Kultur, in der sie umgesetzt wird. Unternehmenskulturen liessen sich aber nicht von oben herab bestimmen. «Oft liest man in Firmenbroschüren von Vertrauenskultur und Innovation. Wenn diese aber vom Chef nicht vorgelebt werden, bleiben sie wirkungslos», sagt Wörwag.

Die Unternehmenskultur zu verändern, sei ein langfristiger Prozess. Es gelte, die Menschen mitzunehmen, und die Werte auf allen Ebenen zu leben. «Für eine Innovationskultur reicht es eben nicht, ein hippes Büro einzurichten und einen Tschüttelikasten aufzustellen.»