Ferienziel Spanien als Land der Kellner

MADRID. Spanien erstaunt diesen Sommer mit überraschend guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Hunderttausende neue Jobs wurden in den letzten Monaten geschaffen.

Ralph Schulze
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MADRID. Spanien erstaunt diesen Sommer mit überraschend guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Hunderttausende neue Jobs wurden in den letzten Monaten geschaffen. Das ist zweifellos ein Segen in jenem Land, in dem der Immobiliencrash vor fast einer Dekade das Königreich in eine tiefe Schulden- und Wirtschaftskrise zog, die Millionen Menschen arbeitslos machte.

Vor allem die ausländischen Feriengäste, die das südeuropäische Land derzeit stürmen, sorgen für neue Arbeitsplätze. Hotels und Restaurants auf Mallorca, an der Mittelmeerküste und auf den Kanaren platzen aus allen Nähten und haben jede Menge Personal eingestellt. Der boomende Tourismus ist Spaniens Konjunkturmotor.

Jobs auf Zeit mit Tieflöhnen

Die hoffnungsvollen Arbeitsmarktdaten haben nur einen Schönheitsfehler: Die allermeisten neuen Stellen sind Aushilfsjobs, um den Gästeandrang zu bewältigen. Jobs mit Minilöhnen zwischen 500 und 1000 €, von denen die Arbeitgeber einen Teil meist auch noch schwarz überreichen, um Sozialabgaben zu sparen. Und mit Zeitverträgen, damit die Helfer nach dem Sommer gefeuert werden können.

Die Spanier kennen für diese Art der prekären Beschäftigung eine treffende Beschreibung: «contratos basura» (Müllverträge). Über 90% aller neuen Arbeitsverhältnisse in Spanien sind solche Müllverträge. Für viele Arbeitslose sind sie der einzige Ausweg, um vorübergehend ein paar Euro zu verdienen. Unzählige junge Universitätsabsolventen jobben als Kellner, Küchenhelfer oder Zimmermädchen.

«Die stillen Helden» der Krise

«Spanien ist auf dem Weg, sich in ein Land der Kellner zu verwandeln», titelte unlängst «El Mundo». Und in ein Königreich des Prekariats – der billigen und sozial nicht abgesicherten Arbeitskräfte. Das führt dazu, dass sich mit den neuen Jobs zwar die Arbeitslosenstatistik verbessert. Aber weder die notleidende Rentenkasse noch die ziemlich leere Staatskasse profitieren davon.

Derweil gehen wichtige zweige wie Bildung, Forschung und Wissenschaft, von denen die Zukunft abhängt, vor die Hunde, weil sie der verschuldete Staat kaputtgespart hat. Seit Jahren gehen die besten Köpfe des Königreichs ins Ausland – Spanien blutet aus. Von einem Ende der Krise ist das Land mit 20% Arbeitslosen und in dem fast jeder dritte Haushalt von Armut bedroht ist, somit weit entfernt. Zu einem wichtigen sozialen Netz geworden sind die Grosseltern, die mit ihren Pensionen und Ersparnissen ganze Grossfamilien durchfüttern. Spaniens Omas und Opas, schrieb «El Mundo», seien «die stillen Helden» der spanischen Wirtschaftskrise.

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