FERIEN: Die Stadt, in der Jimi Hendrix entspannte

Mehr als 20 Jahre schon lebt die St. Gallerin Cornelia Hendry Ezzaher in Marokko. Sie besitzt mit ihrem Mann ein Hotel in der Altstadt von Essaouira am Atlantik. Die Weltkulturerbe-Hafenstadt ist ein Touristenmagnet.

Urs Oskar Keller, Essaouira
Drucken
Teilen
Cornelia Hendry ist von der Ostschweiz nach Marokko ausgewandert und ist dort erfolgreiche Geschäftsfrau. (Bild: Urs Oskar Keller)

Cornelia Hendry ist von der Ostschweiz nach Marokko ausgewandert und ist dort erfolgreiche Geschäftsfrau. (Bild: Urs Oskar Keller)

Urs Oskar Keller, Essaouira

Cornelia Hendry, wie entwickelte sich der Tourismus in Essaouira und in Marokko?

Die alte Hafenstadt ist speziell. In den 1970er-Jahren war Essaouira ein Hippie-Nest und Surfer-Paradies frei nach dem Motto «Freedom, love and peace». Neben dem britischen Sänger Cat Stevens war auch der Gitarrist und Sänger Jimi Hendrix 1969 in unserer Stadt. Aber so genau weiss das keiner mehr.

Gab es vor 20 Jahren schon Massentourismus?

Als ich mit meinem Mann Anfang 1996 hierher zog und das Riad Hotel Villa Maroc eröffnete, gab es kaum Hotels und Tourismus. Telefon, Fax und das Natel kamen viel, viel später. Es herrschte ein elitärer Tourismus. Die Klientel stammte vorwiegend aus der Mode- und Filmbranche. Es existiert bis dato kein Massentourismus, da zu wenig Hotelbetten vorhanden sind.

Wie stellt sich die Situation heute dar?

Heute ist die Spitze erreicht. Die Rahmenbedingungen für die Tourismusindustrie sind gut und auch die Einführung neuer Technologien kam im richtigen Moment. Wirtschaftlich bildet der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle für die Stadt. Die weltoffene Stadt, wo seit Jahrhunderten Muslime, Christen und Juden zusammenlebten, zieht auch heute viele Gäste an. Einst gab es beispielsweise über 30 Synagogen in Privathäusern, heute sind zwei davon wieder für Besucher offen.

Wie ist die Sicherheitslage in Marokko und in Essaouira im Besonderen?

Seit 20 Jahren gilt Marokko als sicheres Land. Marokko kann grundsätzlich als stabiles Land betrachtet werden, so lautet die grundsätzliche und aktuelle Einschätzung des EDA in Bern. Heute kann überall auf der Welt etwas passieren. Wir sind sehr nahe an Europa und in Essaouira ist es sicherer als in mancher Schweizer Stadt. Wird bei uns eine Person polizeilich gesucht, wird sie auch immer rasch gefunden. Polizei und Geheimdienst arbeiten vorzüglich.

Gibt es politische Einflüsse auf das Tourismusgeschäft?

Die marokkanische Administration funktioniert heute noch nach einem veralteten französischen System. Wir müssen neben Spezialabgaben 10 Prozent Mehrwertsteuern und insgesamt 30 Prozent Steuern entrichten.

Was ist anders als in der Schweiz?

Mit meinem marokkanischen Mann suchten und fanden wir 1995 in Essaouira eine neue Herausforderung. Ich wurde als Ausländerin rasch akzeptiert und möchte in keinem anderen Ort leben. In Marokko kann man etwas aufbauen und Pionierin sein. Vieles war vor allem in den 1990er-Jahren noch möglich. Ein Leben als Ausländerin im Maghreb-Staat ist einfacher als mit dem gleichen Status in der Schweiz. Ärger kenne ich in Marokko fast nicht.

Wie sieht es mit der Qualität und dem Lohn aus?

Das Qualitätsbewusstsein fehlte hier anfänglich, nun entwickelt es sich. Ich bin beinahe immer im Hotel und fördere und fordere unser Team. Klar, in der Schweiz sind die Gehälter viel höher, man muss aber auch viel mehr leisten. Wir haben im Hotel zwei- bis dreimal mehr Personal als in der Schweiz. Es ist auch alles etwas gemütlicher in unserer Küstenstadt. Dafür hat unser Personal immer Zeit für ein Lächeln.

Wie viele Gäste aus der Schweiz kommen zu Ihnen?

Schweizerinnen und Schweizer bereisen Marokko je länger je mehr und fühlen sich bei uns gut aufgehoben. Sie machen aber nur etwa fünf Prozent unserer Klientel aus. Fünf Prozent der Gäste sind Marokkaner, 90 Prozent stammen aus der ganzen Welt, neuerdings auch aus China. Reiche Marokkaner gehen lieber in internationale Luxushotels im eigenen Land. Da wir diverse Aktivitäten anbieten, bleiben Gäste heute oft eine Woche hier.

Welche Art Ferien sind heute gefragt?

Wir haben eine ausgesprochen aktive, kulturinteressierte und internationale Klientel und können in Essaouira mehr bieten als «nur» Sonne und Meer. Wir bieten zum Beispiel ein Oriental Spa mit Hammam, Massagen und Kosmetik an. Zudem gibt es auch direkte Einblicke in die biologische Landwirtschaft, Arganöl-Verarbeitung, Kochkurse, Mal- ferien, Yoga, orientalischen Tanz, Fotokurse, Ausflüge in die Region und, und, und. Paloma Picasso und der französische Designer Philippe Starck genossen schon Ferien bei uns. Unser Credo heisst: «Wenn wir etwas machen, dann richtig!»

Wie ist die Auslastung des Hotels?

Die durchschnittliche Auslastung beträgt 60 Prozent, anfänglich sogar über 90 Prozent. Der Monat April ist Hochsaison, und wir sind immer sehr gut belegt. Seit zehn Jahren ist unser Haus an Silvester/Neujahr immer ausgebucht.

Sie nehmen als Arbeitgeberin auch eine soziale Verantwortung wahr?

Ja. Wir beschäftigen heute um die 50 Personen ganzjährig. Die beste Hilfe für Essaouira und Marokko ist es, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Jeder deklarierte Angestellte hat eine Sozialversicherung, eine Altersvorsorge, eine Krankenkasse und ganz neu sogar eine kleine Arbeitslosenversicherung. Zudem kann er einen Bankkredit beantragen.

Essaouira ist aber nicht wirklich eine Badedestination, oder?

Ja, das stimmt. Essaouira gilt als Wind-City. Die Normaltemperatur im Sommer ist um die 25 Grad. Selten, bei Windstille, steigen die Temperaturen ein paar Tage nur auf 28 bis 30 Grad. Wir besitzen ein sehr ausgewogenes Klima, was besonders englische Touristen anzieht. Wir brauchen auch keine Klimaanlagen in den Zimmern und Räumen.

In Essaouira soll es laut dem Internetportal Tripadvisor 180 Unterkünfte und 2500 Gästebetten geben und genauso viele Galerien wie Cafés. Wie sehen Sie die Zukunft der Welterbe-Stadt?

Essaouira bleibt klein und authentisch. Seit 22 Jahren haben die Leute hier Angst, dass wir vom Massentourismus irgendwann überschwemmt werden. Doch Essaouira ist immer noch die kleine, wunderschöne und mysteriöse Hafenstadt am Atlantik. Die «Souiri», die Stadt­bewohner, bleiben auch in Zukunft gastfreundlich, tolerant und offen, wie sie es schon immer waren.