Faulige Kredite im Abgang

Die pleitegegangene Investmentbank Lehman Brothers lebt nun als Whisky-Label fort. Ein britischer Unternehmer produziert unter dem Namen einen Scotch.

Adrian Lobe
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NEW YORK. Der Name Lehman Brothers ist nicht gerade in bester Erinnerung. Der Zusammenbruch der US-Investment-Bank 2008 löste mit eine globale Finanzkrise aus. Unter den Folgen ächzen noch immer einige Bankinstitute. «Lehman moment» ist in den USA zum Synonym für das Scheitern von Unternehmen, Politikern und ganzer Länder geworden. Kein gutes Omen für einen Neuanfang also.

Krisenaroma herstellen

Das scheint James Green aber wenig zu stören. Der britische Entrepreneur hat unter dem Namen Lehman Brothers ein eigenes Whisky-Label gegründet. «Ashes of Disaster» ist der Tropfen ironisch überschrieben. Es sei eine «explosive Marke mit einem grossen intrinsischen Wert», sagte der Unternehmer gegenüber dem «Wall Street Journal». Der Scotch habe einen «reuevollen, erdigen Geschmack» mit einer «Note von verbrannten Geldscheinen» und einem «Hauch von reifen Herbstfrüchten, die kurz davor sind, herunterzufallen». Der Whisky-Trinker soll die fauligen Kredite im Abgang spüren. «Die Aufgabe an den Blender war es, die Aufs und Abs der ökonomischen Verwüstung zu schmecken», sagte Green. Um dieses besondere Krisenaroma herzustellen, tat sich der Unternehmer mit Brennern aus Schottland und South Carolina zusammen. Entstanden sind drei verschiedene Blends. Mit 46£ pro Flasche ist der Scotch im mittleren Preissegment angesiedelt.

Die Krise als Verkaufsschlager. Oder wie man in den USA sagt: «Satan sells.» Diese Strategie haben vor Green schon andere entdeckt: Jim Beam brachte mit Devil's Cut ein teuflisches Gebräu auf den Markt. Und in Irland wurde 2011 anlässlich des 100. Jahrestags der Titanic-Katastrophe ein eigener Whisky mit dem unheilvollen Namen destilliert. In diesen Krisenchor will nun auch Green einstimmen. 2013 beantragte er in den USA ein Patent, das die Behörde zunächst ablehnte. Begründung: «Obwohl die Investmentfirma Spirituosen oder Bier weder herstellte noch in Verkehr brachte, ist die mit Lehman Brothers assoziierte Institution so bekannt, dass eine Verbindung zu der Firma anzunehmen ist.» Soll heissen: Wo Lehman draufsteht, muss auch Lehman drin sein.

Streit wegen Namen

Green focht das nicht an und vertrieb den Scotch weiter. 2014 erteilte das US-Patentamt grünes Licht. Doch das schmeckte der britischen Bank Barclays nicht, die nach dem Zusammenbruch von Lehman 2008 Teile der insolventen Investmentbank übernahm, darunter auch die Namens- und Lizenzrechte. Barclays erhob also Einspruch beim US-Patentamt. Die Bank wendet ein, dass Lehman einen US-Whisky-Hersteller einst beim Börsengang mit Liquidität versorgte und Kunden einen Whisky-Dekanter schenkte, auf dem der Name Lehman Brothers eingraviert war. Die Patentbehörde lehnte die Beschwerde mit dem Hinweis ab, bei Lehman handele es sich nur um einen Vornamen. Um die Namensrechte ist eine Posse entstanden. Gut möglich, dass Barclays Whisky als Geschäftsmodell entdeckt hat. Seltene Whisky von Kultmarken sind in Zeiten von Niedrigzinsen zu einem begehrten Investment geworden. Die Spirituose muss nur gelagert werden und gewinnt über die Jahre an Wert. Kenner wissen: Je älter, desto besser. Und teurer. Für einen 50 Jahre alten Glenlivet muss man schon mal 18 000£ berappen. Die Streitparteien wollen sich dem Vernehmen nach zu Gesprächen treffen.

Bar an der Wall Street?

Derweil vertreibt James Green seinen Whisky Lehman Brothers weiter im Handel. Weil der Scotch reissenden Absatz findet, denkt der Unternehmer sogar darüber nach, eine Bar an der Wall Street in New York zu eröffnen. Ein Investmentbanker, der abends bei einem Glas Lehman Brothers über die Börsenkurse nachdenkt – eine komische Vorstellung. Green selbst empfiehlt kühl «Ashes of Disaster» zur Gründung von Unternehmen aufzumachen.

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