FALL BEHRING: 207 Millionen für die Opfer

Das Bundesstrafgericht hat gestern seinen Entscheid zu den Zivilforderungen der Geschädigten im Skandal um den Ex-Börsenguru Dieter Behring bekanntgegeben.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Dieter Behring und seine Ehefrau. (Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press/KEY)

Dieter Behring und seine Ehefrau. (Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press/KEY)

Gerhard Lob, Bellinzona

Dieter Behring war gestern mit seiner gesamten Entourage in Bellinzona erschienen. Wie üblich trug er eine Kette mit einem Stick um den Hals, in dem er – wie er sagt – die wichtigsten Dokumente gespeichert hat.

Vor genau sechs Monaten war der einst als «Börsenguru» gefeierte Trader im gleichen Saal des Bundesstrafgerichts wegen gewerbsmässigen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt worden. Nun eröffnete das Gericht seinen Entscheid zu den Zivilforderungen in einem der grössten Betrugsfälle der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.

Demnach muss Dieter Behring die Opfer mit rund 207 Mio. Fr. entschädigen – zumindest theoretisch. Denn bei Behring wurde laut Gericht einzig ein Vermögen im «mittleren zweistelligen Betrag» beschlagnahmt. Zudem ist das letzte Wort in dieser Sache noch längst nicht gesprochen. Behrings Privatverteidiger Bruno Steiner kündigte an, vor Bundesgericht Beschwerde einlegen zu wollen. Dies gilt auch für das Strafurteil vom 30. September 2016, dessen schriftliche Begründung noch nicht vorliegt. Das Gericht beurteilte einzeln 1189 Schadenersatzforderungen, was laut Bundesstrafrichter Daniel Kipfer sechs Monate Arbeit bedeutete. Einige Privatkläger hatten sich selbst zurückgezogen.

Alle Forderungen auf dem Zivilweg wären stossend

Das Bundesstrafgericht hätte alle Forderungen auf den Zivilweg verweisen können, wollte dies den Geschädigten aber nicht zumuten, da das gesamte Verfahren bereits über 12 Jahre läuft. «Das wäre stossend gewesen», so Kipfer. Das Gericht sprach 347 Geschädigten rund 92 Mio. Fr. zu, die auch Zinszahlungen von 5% ab 2004 beinhalten. Der individuelle Betrag entspricht höchstens der Höhe der ins «System Behring» eingezahlten Gelder abzüglich Rückzahlungen. Bei 469 Personen wurde Schadenersatzforderungen ohne Zins in Höhe von 114 Mio. Fr. entsprochen. So ergibt sich der Gesamtbetrag von zirka 207 Mio. Fr. für 816 Geschädigte. Bei 373 Personen verweist das Gericht gleichwohl auf den Zivilweg, weil keine konkret bezifferte Forderung vorlag. Kipfer erinnerte zudem daran, dass auch die Eidgenossenschaft eine gerichtlich zugesprochene Ersatzforderung von 100 Mio. Fr. an Behring hat. Tausende von Anlegern hatten auf Behrings Tradingsystem gesetzt, das hohe Renditen versprach. Im Oktober 2004 war es zusammengebrochen. Nach jahrelangen Ermittlungen entschied die Bundesanwaltschaft schliesslich in einem umstrittenen Entscheid, die Anklage einzig auf Behring zu konzentrieren. Das gestrige Urteil kommentierte der 63-jährige Behring gewohnt ironisch: «Das Gericht tagte, aber es dämmerte nicht.» Er könne den ganzen Zahlensalat des Gerichts nicht nachvollziehen.

Nicht zum Spassen zumute war einigen geprellten Anlegern, die schon den Prozess im letzten Jahr verfolgt hatten und auch nun zum Urteil der Zivilforderungen in Bellinzona erschienen waren. «Ich habe mein ganzes Vermögen, mein ganzes Gespartes verloren, und bin über dieser Geschichte krank geworden», meinte eine Rentnerin aus dem Thurgau. Die Aussicht, dass weitere Monate, womöglich sogar Jahre ins Land ziehen werde, bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, konnte sie kaum fassen: «Das ist bitter.»