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Gastkommentar

Fake News: Orientierungslauf ohne Kompass

Was ist Fake News - und gibt es das überhaupt? Die Antwort ist nicht ganz so einfach wie gedacht.
Magdalena Hoffmann
Magdalena Hoffmann, Studienleiterin und Dozentin Philosophie und Medizin.

Magdalena Hoffmann, Studienleiterin und Dozentin Philosophie und Medizin.

In Kürze gebe ich eine Einführung in das Thema Fake News bei einem Workshop in unserem Begleitprogramm «Philosophie extra». Frohgemut beginne ich mit meiner Lektüre philosophischer Aufsätze, einige Stunden später bin ich der Verzweiflung nahe. Gemäss dem Bonmot, dass es leichter sei, drei Philosophen eine Zahnbürste teilen zu lassen als einen Begriff, herrscht Uneinigkeit in jeder Hinsicht: Gibt es Fake News überhaupt? Schliesslich sind Desinformation, Irreführungen und Falschmeldungen keine neuen Phänomene. Und wenn es Fake News gibt, worum handelt es sich dabei? Um eine spezielle Form von «Bullshit», um Desinformation oder eher Propaganda? Und wie sollen wir mit Fake News umgehen? Mit Bestrafung der Urheber oder Verbreiter, Aufklärung durch Faktenchecker oder Medienschulung für alle?

Wie so oft entpuppen sich auf den ersten Blick einfach zu beurteilende Phänomene (Fake News sind schlecht) als viel komplexer. Philosophieren ist wie durch ein Kaleidoskop schauen: Plötzlich sieht man alles mehrfach gespiegelt und jedes Rütteln bewirkt eine neue Figur. Das ist faszinierend, kann aber bisweilen zur Frustration führen, insbesondere wenn einem die eigene entschiedene (weil noch ungeprüft?) Meinung lieb und teuer ist. Müssen wir denn mehr wissen, als dass Fake News schlecht sind und das Potenzial haben, demokratische Entscheidungsprozesse zu unterhöhlen und Vertrauen in die Medienberichterstattung zu erschüttern?

Ja, die Mühe der präzisen Analyse müssen wir uns machen, denn von der Beantwortung der Frage, was denn Fake News eigentlich sind, hängen nicht zuletzt die Handlungsempfehlungen für den Umgang damit ab. Auch unsere Bewertung von Fake News stützt sich auf eine vorgängige Untersuchung des Phänomens: Wie sehr sollten uns Fake News beunruhigen? Wenn es sich dabei bloss um die aktuelle Form von öffentlicher Desinformation, wie es sie seit Beginn der Presse gibt, handelt, wird man weniger alarmiert sein; schliesslich scheinen Fake News dann nur alter Wein in neuen Schläuchen zu sein. Definiert man Fake News hingegen als eine Art von als Nachricht getarntem «Bullshit» (ein Ausdruck des amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt), hat man allen Grund zur Besorgnis. Für Harry Frankfurt ist «Bullshit» nämlich noch schlimmer als die Lüge. Während der Lügner wenigstens noch einen Bezug zur Wahrheit erkennen lässt, indem er sie absichtlich verneint und ihre Autorität damit indirekt doch anerkennt, ist dem «Bullshitter» die Wahrheit schlichtweg gleichgültig. Sie ist ihm egal.

Ja, und? Ist Wahrheit nicht ohnehin subjektiv? Diese Position – so mein Eindruck – scheint immer geläufiger zu werden, verbunden mit einem Hang zum Relativismus, der mitunter in Zynismus übergeht. Ob diese Haltung eine Ursache für die zunehmende Verbreitung von Fake News ist oder ihre Folge, ist schwer zu sagen. Weniger schwer zu sagen, ist, dass eine Gesellschaft, die entweder zynisch oder resigniert auf Fake News reagiert, ihren intellektuellen Kompass zu verlieren droht. Wahrheit ist kein beliebiger Wert unter vielen anderen; unser ganzes kognitives Mindset ist auf Wahrheit als Referenz zur Orientierung in der Wirklichkeit ausgerichtet. Insbesondere Demokratien, in denen viele widerstreitende Meinungen ausgehandelt werden müssen, können es sich nicht erlauben, diesen Kompass auf ihren diskursiven Orientierungsläufen preiszugeben.

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