WIRTSCHAFTSFORUM THURGAU
«Dafür kämpfen wir» – die Wirtschaft nach Corona, wie sich der Konsum entwickelt und kontroverse Blicke auf Homeoffice

Am Wirtschaftsforum Thurgau ging’s um verantwortungsvolles Unternehmertum, gekappte Telefonleitungen und eine müde Mannschaft. Und warum sich Nachhaltigkeit nicht nur ums Grüne und Gesellschaftliche drehen dürfe, sondern auch Gewinne der Firmen erfordere. Zu Gast waren Karin Frick, Dieter Bachmann, Hans Hess und Peter Spuhler.

Thomas Griesser Kym
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Wirtschaftsforum Thurgau: Moderatorin Mona Vetsch (zweite von rechts) im Gespräch mit Peter Spuhler, Karin Frick und Dieter Bachmann.

Wirtschaftsforum Thurgau: Moderatorin Mona Vetsch (zweite von rechts) im Gespräch mit Peter Spuhler, Karin Frick und Dieter Bachmann.

Bilder: PD (Amriswil, 8. Juni 2021)

Ein Jahr der Extreme hat Dieter Bachmann als Chef der Gottlieber Spezialitäten AG 2020 erlebt. Erst die Ungewissheit nach Beginn der Pandemie und ein Umsatzminus von 20 Prozent in den drei Monaten von März bis Mai. Dann ein Weihnachtsgeschäft, in dessen Verlauf Bachmann Telefonleitungen kappen und Mails zurückschicken musste, weil sein Unternehmen von Bestellungen vor allem von Firmenkunden derart überflutet wurde. Das Endresultat trotz allem, wie Bachmann am Dienstag am 24. Wirtschaftsforum Thurgau sagte:

«Ein Rekordjahr.»

Das Forum vor 50 Gästen im Pentorama Amriswil und allen anderen rund 250 Teilnehmenden zu Hause an den Bildschirmen während des Livestreams drehte sich um die Wirtschaft nach Corona und um verantwortungsvolles Unternehmertum. Hans Hess, früher Chef der Leica Geosystems und bis vor kurzem Präsident des Maschinenbauverbands Swissmem, sagte, Unternehmerinnen und Unternehmer müssten tagtäglich «ei­ne vernünftige Balance finden» zwischen den Interessen der diversen Anspruchsgruppen.

Auch Konsumenten und Kunden sind gefordert

Dieses Spannungsfeld sehe man auch beim Thema Nachhaltigkeit, wo es gelte, einen Kompromiss zu finden zwischen Öko­logie, Ökonomie und Sozialem. Hess sagte:

«Nachhaltigkeit muss fair, beständig und rentabel sein.»

Mit anderen Worten:

«Es geht nicht nur ums Grüne und Gesellschaftliche, sondern auch um Gewinn.»

Zumal Firmen nur Steuern zahlen könnten, wenn sie profitabel seien.

Hans Hess während seines Eröffnungsreferats.

Hans Hess während seines Eröffnungsreferats.

Hess nahm auch die Konsumenten und Kunden in die Pflicht. Es sei «ein Ablasshandel, wenn wir beispielsweise in nachhaltige Finanzprodukte investieren, die sich deshalb nachhaltig nennen, weil sie Öl- oder Zementkonzerne aus dem Portfolio gekippt haben, wir aber parallel dazu gleich viel Öl und Zement konsumieren». Hess rief dazu auf, lieber direkt in neue Technologien zu investieren, die Nachhaltigkeit fördern, und nachhaltige Produkte zu konsumieren, auch wenn diese teurer sein könnten als konventionelle Produkte.

«Vor Corona waren wir mental noch nicht so weit»

«Nachhaltigkeit ist ein Innovationstreiber», diese Ansicht äusserte auch Karin Frick, Leiterin Research des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. Als Trend, der durch die Pandemie «stark beschleunigt» worden ist, ortet sie wenig überraschend die Digi­talisierung. Zum einen hätten Konsumenten und auch Anbieter Vertrauen gewonnen in digitale Einkaufs- und Absatzkanäle, zum andern sei der Umstieg auf Homeoffice gelungen. Frick sagte:

«Die Basis war gelegt, die Technik war vorhanden, aber vor Corona waren wir mental noch nicht so weit.»

Für den Konsum erwartet die Expertin, dass er nach dem Zwangsfasten während Corona wieder auf sein früheres Niveau findet.

Reduziertes Publikum im Pentorama.

Reduziertes Publikum im Pentorama.

Homeoffice – ein schwieriges Thema beim Schienenfahrzeugbauer Stadler. Dessen Patron Peter Spuhler schätzt, dass Homeoffice in seinem Industriekonzern einen Anteil von 15 bis 20 Prozent hatte. Möglich war dies im Engineering und im Einkauf, Teams wurden gesplittet. Dazu Maskenpflicht, auch in der Montage. Spuhler sagte:

«Es reicht langsam, die Mannschaft ist müde.»

Er äusserte die Hoffnung, dass «irgendwann nach den Sommerferien wieder Normalität» bei Stadler einkehre.

Stadler-Chef Peter Spuhler im Einsatz für den Werkplatz Schweiz

Wie er seine Verantwortung als Arbeitgeber am Werkplatz Schweiz sehe, wollte Modera­torin Mona Vetsch von Spuhler wissen. Dieser antwortete, von den jährlich zehn Millionen Produktionsstunden seiner weltweiten Belegschaft wolle er je die Hälfte in Niedrigkosten- und in Hochkostenländern wie der Schweiz oder Deutschland erbringen. Spuhler:

«Dafür kämpfen wir.»

Um das zu schaffen, verlagere Stadler Produkte mit tieferem technischen Standard in günstigere Länder und fokussiere in der Schweiz, wo 4500 der 13'000 Angestellten arbeiten, auf High-End-Fahrzeuge wie Hochgeschwindigkeitszüge. Oder Doppelstöcker, für deren Bau Stadler für 86 Millionen Franken in St.Margrethen ein neues Werk errichtet hat. Und nicht im Ausland.

Das 25. Wirtschaftsforum Thurgau findet am 4. November 2021 statt.