FAHRDIENST-GRÜNDER: Auf die Strasse gestellt

Der umstrittene Uber-Konzernchef Travis Kalanick gibt nach einer Reihe von Kontroversen auf – weil die Investoren in den Mitfahrdienst-Vermittler das Vertrauen verloren haben.

Renzo Ruf, Washington
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Travis Kalanick nahm zunächst eine Auszeit – nun kehrt er nicht mehr zu Uber zurück. (Bild: Brent Lewin/Getty)

Travis Kalanick nahm zunächst eine Auszeit – nun kehrt er nicht mehr zu Uber zurück. (Bild: Brent Lewin/Getty)

Renzo Ruf, Washington

Mitten in der Nacht warf Travis Kalanick das Handtuch. Nachdem ihm eine Gruppe von Investoren am Dienstagnachmittag ein Ultimatum gestellt hatte, verkündete der beurlaubte Uber-Konzernchef – mehr oder weniger spontan – in der Nacht auf den Mittwoch seinen Rücktritt. Er ­liebe seine Firma, mit der er seit dem Jahr 2010 das Taxi-Geschäft rund um den Globus aufmischt, «mehr als alles andere auf der Welt», aber er sehe ein, dass Uber sich nun auf das Kerngeschäft konzentrieren müsse – und keine Zeit für einen Machtkampf zwischen Aktionären und Geschäftsleitung habe.

Damit endet, zumindest vorläufig, eine geradezu atemberaubende Karriere – selbst für amerikanische Verhältnisse. Kalanick (40) war seit den späten Neun­zigerjahren in Kalifornien als Unternehmer tätig, zuerst im ­Bereich Filesharing (die Firmen Scour and Red Swoosh), dann bei der Vermittlung von Fahrgemeinschaften.

Das Potenzial erkannt

Uber Technologies entstand aus den Gedankenspielereien des kanadischen Tech-Tüftlers Garrett Camp, der es satthatte, in San Francisco viel Geld für private, semilegale Limousinen auszugeben. Kalanick, ein loser Bekannter von Camp, sah das Potenzial hinter der Idee, einen privaten Chauffeur über eine Smartphone-Applikation zu bestellen – insbesondere, nachdem er und Camp ein schlechtes Erlebnis mit einem französischen Taxifahrer hatten. Also spannten beide zusammen, und Uber war geboren.

Die Uber-Führung stilisierte sich von Beginn weg als Revo­luzzer, der einer politisch gut ­vernetzten Branche den Kampf ­ansagte. Dies förderte eine Betriebskultur, die Beobachter als ungesund beschrieben: So floss der Alkohol im Hauptquartier in San Francisco angeblich in Strömen, und weibliche Angestellte beschwerten sich darüber, nicht ernst genommen oder sexuell ­belästigt zu werden. Kalanick schien in diesem Umfeld zu gedeihen, und er warf mit Sprüchen wie «Always Be Hustlin’» um sich – ein Ausdruck, der in der Strassenprostitution verwendet wird, aber hier bedeuten soll, dass Uber-Angestellte stets auf der Suche nach neuen Einkommensquellen sind.

Nach forschem Start unter Druck

Den Investoren schien diese Mischung zu gefallen, auch weil das Geschäftsmodell von Uber buchstäblich grenzenlos ist. Die zahlreichen Rechtsstreitereien, in die der Mitfahrdienst verwickelt war, weil Kalanick behauptete, dass es sich bei Uber nicht um einen klassischen Taxianbieter handelte, wurden geflissentlich ignoriert. Aktuell soll Uber gegen 68 Mrd. $ wert sein, und Analysten spekulierten bereits darüber, wie viel Geld sie beim angedachten Börsengang verdienen könnten.

Doch dann geriet die Erfolgsgeschichte ins Stottern. Lokale Konkurrenten setzten Uber zu, selbst im Heimmarkt USA. Kalanick schien dies nicht zu kümmern; zuletzt sprach er lieber über selbstfahrende Autos und Flugzeuge als über den Konkurrenten Lyft. Auch schrieb das Unternehmen, das 12000 Menschen angestellt hat, tiefrote Zahlen: Jüngst belief sich der Quartalsverlust auf rund 708 Mio. $, bei einem Umsatz von gegen 3,8 Mrd. $.

Kalanick schien es schwerzu- fallen, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Im Februar machte ein Video die Runde, das zeigte, wie der Multimilliardär einen Uber-Fahrer beleidigte, der sich zuvor über die schlechte Bezahlung beklagt hatte. Später sagte der Konzernchef einem Autor des Wirtschaftsmagazins «Fortune»: «Ich glaube nicht, dass ich ein Arschloch bin. Ich bin ziemlich sicher, dass ich keines bin.» Aber irgendwie wirkte dieses Dementi nicht. Vor einer Woche sah sich Kalanick gezwungen, eine persönliche Auszeit zu nehmen, nachdem seine Mutter bei einem Bootsunfall gestorben und sein Vater verletzt worden war. Nun sucht er nach einer neuen Herausforderung.