Facebook unter Verdacht

Facebook soll gezielt Nachrichten zensiert und manipuliert haben. Das Netzwerk streitet dies zwar ab, sieht sich aber längst in der Rolle als globale Nachrichtenquelle. Es fehlt eine internationale Kontrollinstanz.

Philipp Bürkler
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Ob nun Nachrichten manipuliert wurden oder nicht: Der Einfluss des sozialen Netzwerks Facebook ist jedenfalls enorm. (Bild: Urs Jaudas)

Ob nun Nachrichten manipuliert wurden oder nicht: Der Einfluss des sozialen Netzwerks Facebook ist jedenfalls enorm. (Bild: Urs Jaudas)

Ins Rollen kam alles Anfang Woche. Das amerikanische Internetportal Gizmodo veröffentlichte einen Bericht, in dem ehemalige Facebook-Mitarbeiter einige Arbeitsmethoden ihres Ex-Arbeitgebers preisgaben. Facebook manipuliere bewusst Nachrichten in seiner Rubrik «Trending Topics», die in der englischsprachigen Version des Netzwerks aufgeschaltet ist. Einerseits würden dort News nicht nur automatisch von Algorithmen gewichtet und zusammengestellt, so wie das von Facebook stets behauptet wird, sondern von einer zwölfköpfigen Redaktion betreut. Diese intern als «News Curators» bezeichneten Redaktoren kuratierten die Nachrichten im Schichtbetrieb rund um die Uhr.

Damit nicht genug: Das Redaktionsteam – so ein weiterer Vorwurf – zensiere sogar bewusst Nachrichten mit konservativen und eher rechtsgerichteten Inhalten. Das habe dazu geführt, dass in den USA beispielsweise republikanische Präsidentschaftsbewerber wie Mitt Romney, Ted Cruz oder Scott Walker in der Rubrik nicht auftauchten, während liberale und eher linke Themen, beispielsweise Berichte zur Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter», bei der es um die Rechte von Afroamerikanern geht, im Newsfluss dagegen gehäuft auftauchten.

Auch negative Nachrichten über Facebook selbst hätten die Mitarbeiter entfernen müssen, so der Vorwurf. «Je nachdem, wer gerade Schicht hatte, wurden Artikel verworfen oder als trendig eingestuft», so der ehemalige Mitarbeiter.

Pochen auf die Richtlinien

Facebook-Chef Mark Zuckerberg dementierte die Manipulationsvorwürfe in einem Post. «Wir haben keine Beweise gefunden, dass diese Vorwürfe wahr sind», so Zuckerberg. Das Unternehmen arbeite nach strengen Richtlinien, die es nicht zuliessen, einen politischen Standpunkt zu einem Thema einem anderen vorzuziehen. Bei Facebook filtere zunächst ein Algorithmus die Themen aus der Vielzahl an Einträgen heraus, bevor sie von Mitarbeitern geprüft würden, so der 31jährige Milliardär. Laut Recherchen der britischen Zeitung Guardian rückte Facebook erstmals 2014 von seiner reinen Algorithmus-Strategie ab, nachdem Kritik laut wurde, Facebook habe zu wenig über den gewaltsam durch Polizisten getöteten Jugendlichen in Ferguson berichtet. Der Tod löste wochenlange Bürgerproteste aus.

Doch nicht ganz ausgeschlossen

Zuckerbergs Formulierungen zeugen zwar von offener und engagierter Kommunikation, schliessen Manipulationen jedoch nicht ganz aus. Gut möglich, dass diese ohne sein Wissen stattgefunden haben aus reinem Machtgefühl der Mitarbeiter, im Wissen, mit ihrer Handlung Millionen von Nutzern beeinflussen zu können. Als weiteren Schritt der offensiven und transparenten Krisenkommunikation veröffentlichte Facebook nach Bekanntwerden der Zensur- und Manipulationsvorwürfe Ende Woche eine Liste mit 1000 News-Webseiten, die dem Unternehmen als Quellen für seine Nachrichten dient.

Unter den 1000 Nachrichtenquellen sind neben englischsprachigen auch 38 deutsche Nachrichtenportale wie «zeit.de», «spiegel.de» oder «bunte.de» aufgelistet. Schweizer Medien sucht man auf der Liste vergebens. Offenbar ist die Schweiz für Facebook im globalen News-Kontext nicht relevant. Die Offenlegung der Quellen nütze sowieso nichts, sagt Stephan Weichert, Professor an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. Facebook sei kein Verlagshaus, sondern ein an Werbung und der Nutzung von Daten für kommerzielle Zwecke interessiertes Unternehmen.

Facebook denke wirtschaftlich, nicht publizistisch. «Deshalb können die so viele Quellen offenlegen wie sie wollen, wichtiger wäre es, klar zu kommunizieren, nach welchen Kriterien die Auswahl der Nachrichten getroffen wird.» Alleine die Tatsache, dass Facebook zwölf Redaktoren beschäftigt, die Tag und Nacht Meldungen aufbereiten, zeigt aber, dass sich der kalifornische Tech-Gigant mehr denn je als publizistisches Medienunternehmen sieht und immer weniger als soziales Netzwerk.

«Obwohl Facebook immer wieder behauptet, kein Nachrichtenmedium zu sein, ist dies nun wohl nicht mehr abzustreiten», sagt Sophie Mützel, Soziologie-Professorin für Medien und Netzwerke an der Universität Luzern. Trotzdem sieht Mützel etwas Positives an den Facebook-Anschuldigungen. «Die aktuelle Diskussion könnte dazu führen, dass sich mehr Facebook-User darüber im Klaren werden, dass sie bereits bearbeitete, aufbereitete und in der Reihenfolge sortierte Nachrichten von ihren <Freunden> erhalten.»

Gefahr für die Demokratie

Angesichts der globalen Nutzerzahlen von Facebook – derzeit 1,65 Milliarden – wäre eine potenzielle Manipulation gigantisch, sagt der deutsche Medien- und Kommunikationswissenschafter Weichert. «Der Einfluss von Facebook ist immens, das kann man nicht überschätzen.» Facebook könnte problemlos den demokratischen und politischen Meinungsbildungsprozess beeinflussen. «Wer weiss schon, ob Facebook nicht auch demokratische Wahlen beeinflusst?»

Gerade in den USA würden sich Politiker oft gar nicht erst trauen, sich gegen Facebook zu stellen, weil das Unternehmen so mächtig sei.

Medienunternehmen in der Pflicht

Bisher kontrolliert niemand Unternehmen wie Facebook, Twitter oder Google auf ihre Geschäftspraktiken. «Es müsste eine Instanz auf politischer Ebene geschaffen werden, welche solche Unternehmen kontrolliert», fordert Weichert.

In der Pflicht sieht der Medienwissenschafter auch traditionelle Medienunternehmen. Diese seien ebenfalls verantwortlich für die Macht und den Aufstieg von Facebook als Nachrichtenplattform.

Medienhäuser sind in den vergangenen Monaten vermehrt Kooperationen mit Grossunternehmen eingegangen, in dem sie ihre Produkte als «Instant Articles» direkt auf Facebook publizieren und nicht mehr auf ihre eigenen Webseiten verlinken. Die Abhängigkeit traditioneller Medienhäuser gegenüber Facebook wird immer grösser.

«Private Medienverlage schaffen sich dadurch ein Stück weit selber ab», stellt der Medienprofessor denn auch konsterniert fest. Die Lösung wäre einfach: Medienhäuser müssten zusammenstehen und sich gemeinsam gegen Facebook stellen.