Facebook schielt auf China

Mark Zuckerberg will Facebook zum globalen Netzwerk ausbauen. Doch ausgerechnet China mit 650 Millionen Internetnutzern ist ein weisser Fleck auf der Landkarte. Das soll sich ändern.

Adrian Lobe
Merken
Drucken
Teilen
Facebook-Chef Mark Zuckerberg ist bemüht, in China seinen Charme spielen zu lassen. (Bild: ap/Tsinghua-Universität)

Facebook-Chef Mark Zuckerberg ist bemüht, in China seinen Charme spielen zu lassen. (Bild: ap/Tsinghua-Universität)

Vor kurzem tourte Facebook-Chef Mark Zuckerberg wieder durch China. Das Reich der Mitte ist mit seinen 650 Mio. Internetnutzern ein riesiger Wachstumsmarkt. Einziges Problem: Facebook wird in China seit 2009 von der Zensurbehörde blockiert. Das soziale Netzwerk prallt an der «Great Firewall», welche die Regierung in Peking immer höher zieht, ab. Zuckerberg hat darum eine Charmeoffensive gestartet. Der Facebook-Gründer hofiert die chinesische Führung, damit diese die Sperre für sein soziales Netzwerk aufhebt.

In einer Rede an der Tsinghua-Universität in Peking sagte Zuckerberg: «Jeder will mit sich mit seinen Freunden und seiner Familie vernetzen. Wenn wir teilen und uns vernetzen können, wird das Leben besser.» Und weiter: «Wir bauen eine stärkere Gesellschaft, weil die Leute mehr wissen.» Da sprach nicht nur der Wohltäter, der Menschen auf der ganzen Welt Zugang zu Wissen gewährt. Da sprach auch der Geschäftsmann.

Zuckerberg will China eine Technologie verkaufen, mit der sich die Herrschaft Pekings zementieren lässt. Die chinesische Regierung hat das Kontrollpotenzial sozialer Netzwerke erkannt. Für die Zensoren könnte Facebook ein Vehikel sein, Aktivitäten der Nutzer zu überwachen. Die Staatsführung hat vor kurzem ein System eingeführt, bei dem jeder Bürger eine Bewertung von 350 bis 950 erhält. Dieser Wert berechnet sich nach der Kreditwürdigkeit, der politischen Meinung und nach Social-Media-Aktivitäten.

«Zensur light» als Möglichkeit

Peking hat einen Zensurdurchgriff stets zur Voraussetzung für einen Markteintritt gemacht. Das war für Facebook bisher inakzeptabel. Nicht, weil es die Freiheit beschränkt hätte, sondern das Anzeigengeschäft. In den Verhandlungen geht es darum, welche Kompromisse die Verhandlungspartner einzugehen bereit sind. Wenn Zuckerberg die Regeln akzeptiert, könnten sich die Türen öffnen. Ein Modell könnte so aussehen, dass sich beide Seiten auf eine «Zensur light» einigen: China wird ermächtigt, politische Inhalte zu filtern. Im Gegenzug bekommt Facebook Marktzugang.

Chinesische Dienste im Vorteil

Das soziale Netzwerk Linked In, das seit 2014 in China aktiv ist, hat sich der Zensur bereits gefügt. Politisch heikle Themen wie Tiananmen oder Tibet werden gelöscht. Das ist für ein Karrierenetzwerk, das auf Datenpunkten zu Lebensläufen gründet, weit weniger problematisch als für ein soziales Netzwerk, das von seinem Inhalt lebt. LinkedIn China zählt aber gerade einmal 10 Mio. registrierte Nutzer, was angesichts der Gesamtzahl der Mitglieder (350 Mio.) wenig ist. Der erhoffte Durchbruch ist LinkedIn nicht gelungen.

Auch für Facebook sind die Startvoraussetzungen ungünstig. Die Frage ist, ob die Chinesen überhaupt Interesse haben an Facebook. Der Kurznachrichtendienst WhatsApp, den Facebook im Februar 2014 für 19 Mrd. $ übernommen hat, kann in China frei heruntergeladen werden. Bloss wird er kaum genutzt. Die überwiegende Mehrheit der Chinesen nutzt WeChat, den führenden mobilen Messenger-Dienst. WeChat gehört dem Online-Riesen Tencent, der an der Börse 180 Mrd. $ wert ist – mehr als IBM. Auf WeChat können die Nutzer einkaufen, Anleihen aufnehmen, Kinobillette kaufen, chatten, spielen. Facebook-Messenger, der weiterhin blockiert ist, erlaubt zwar Zusatzfunktionen wie Überweisungen. Doch steht er im Schatten von WeChat.

«Die Chinesen wollen Zugang zu Facebook haben, wenn sie es können», sagt Analystin Xiaofeng Wang von Forrester Research. «Einige tun dies bereits, indem sie mittels VPN Client die Firewall umgehen. Die Leute wollen Informationen über die Welt und sich mit Freunden ausserhalb China vernetzen.» Doch selbst wenn Facebook erlaubt würde: WeChat und andere Messenger-Dienste etwa von Alibaba oder Netease sind enteilt. Um den Durchbruch zu schaffen, muss Mark Zuckerberg wohl auch eine Charmeoffensive bei den Nutzern starten.