Experiment Sechs-Stunden-Tag

Schweden testet ein alternatives Arbeitszeitmodell. In einigen Betrieben arbeiten die Beschäftigten nur noch sechs Stunden am Tag bei vollem Lohnausgleich. Damit soll die Belastung der Mitarbeiter reduziert werden.

Adrian Lobe
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Einzelne Betriebe wie das Universitätsspital Sahlgrenska sammeln in Schweden Erfahrungen mit den sechs Stunden Arbeit am Tag. (Bild: pd)

Einzelne Betriebe wie das Universitätsspital Sahlgrenska sammeln in Schweden Erfahrungen mit den sechs Stunden Arbeit am Tag. (Bild: pd)

STOCKHOLM. Sechs Stunden am Tag bei vollem Lohnausgleich arbeiten? Mal im Büro, mal von zu Hause aus: Sieht so die Zukunft der Arbeit aus? Vor wenigen Tagen kursierte die Meldung, Schweden würde seinen Arbeitsmarkt auf einen Sechs-Stunden-Tag umstellen. Das Portal «Fast Company» hatte darüber wortreich berichtet, andere Medien stürzten sich auf diese Meldung. Die Nachricht entpuppte sich letztlich als Falschmeldung. Was man auch schon hätte wissen können, wenn man sich die OECD-Daten näher angesehen hätte. Demnach beträgt die durchschnittlich Wochenarbeitszeit in Schweden 36,6 Stunden und nicht 30.

Einzelne Betriebe testen

Gleichwohl gibt es einige Betriebe und Institutionen, in denen mit einem Sechs-Stunden-Tag experimentiert wird. So hat etwa das Universitätsspital Sahlgrenska die Arbeitszeit für Pflegekräfte verbindlich auf sechs Stunden reduziert. Auch im Toyota-Dienstleistungszentrum in Göteborg arbeiten die Fachkräfte seit einigen Jahren kürzer. Statt von 7 bis 16 Uhr arbeitet das Personal dort in zwei Schichten von 6 Uhr früh bis 12 Uhr und dann von 12 bis abends um 18 Uhr.

Die breite Resonanz der Meldung zeigt, dass die Menschen dieses Arbeitszeitmodell offenbar interessant finden. In einer Welt, wo die Grenzen zwischen Arbeit und Zuhause zunehmend verschwimmen und man ständig erreichbar sein muss, ist die Sehnsucht nach einem geregelten Arbeitsalltag gross. Und genau diese Stossrichtung haben denn auch die Initiativen. Dahinter stecken keine altlinken Gewerkschaftsforderungen, sondern postmaterialistische Erwägungen. Es geht nicht um mehr Geld, sondern um die sogenannte Work-Life-Balance. Stress, Existenzängste, Burn-out: die Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu.

Die deutsche Soziologin Jutta Allmendinger fordert schon seit längerem eine 32-Stunden-Woche, um das Stresspotenzial zu senken. In den Niederlanden ist das bereits Realität. Laut Statistik der OECD arbeiteten die Beschäftigten dort im letzten Jahr im Durchschnitt nur 30,1 Stunden in der Woche. Die Holländer sind Weltmeister im Kurzarbeiten. Zum Vergleich: In Südkorea liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 44,5 Stunden. Allein, die Statistik trügt. Die relativ kurze Wochenarbeitszeit im internationalen Vergleich ist vor allem auf die hohe Teilzeitquote zurückzuführen.

Abhängig von der Gewichtung

Mehr als die Hälfte der Niederländer arbeiten halbtags. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Teilzeitkräfte. Gleichzeitig gehören die Niederländer zu den glücklichsten auf der Welt. Auf dem World Happiness Report rangiert das Land auf Platz 7, gefolgt von Schweden auf Platz 8. Besteht da ein Zusammenhang? Andries de Grip, Professor an der School of Business and Economics der Universität Maastricht, sagt im Gespräch: «Ob weniger Arbeit die Menschen glücklicher macht, hängt davon ab, wie man Freizeit und Arbeitszeit gewichtet. Das verändert sich im Lauf des Lebens und ist von Mann zu Frau unterschiedlich. Es hängt auch davon ab, ob man mehr verdient, wenn man mehr arbeitet.»

Ab einem bestimmten Einkommen wird der Verzicht auf Freizeit unattraktiver. Ökonomen sprechen hier vom Grenznutzen. In einer Studie fanden de Grip und seine Kollegen heraus, dass Männer glücklicher sind, wenn sie länger arbeiten. «Dieser Befund zeigt, dass Männer ihren Status aus der Arbeitszeit ableiten.» Mehrarbeit als Statussymbol. Doch was sind die volkswirtschaftlichen Implikationen? Bedeutet weniger Arbeit auch weniger Wohlstand?

Produktivität sinkt

Darüber tobt unter Ökonomen ein erbitterter Theoriestreit. «Im Allgemeinen senkt eine Verkürzung der Arbeitszeit die Produktivität», erklärt de Grip. Damit vertritt er die allgemeine Lehrmeinung. Der Ökonom sagt aber auch: «Gerade im Dienstleistungssektor, wo es Stosszeiten gibt, erhöht es die Produktivität, wenn Unternehmen Teilzeitkräfte beschäftigen, die in diesen Peak Hours arbeiten.»

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