Ökonom kritisiert Exit-Strategie: Ziel des Lockdowns ist mehr als erreicht

Der Ostschweizer Konjunkturforscher Peter Eisenhut wünscht sich vom Bundesrat mehr Mut beim Ausstieg aus dem Lockdown: Läden und Märkte sollen gleichzeitig öffnen.

Kaspar Enz
Drucken
Teilen
In Österreich öffneten viele Läden schon vor einer Woche.

In Österreich öffneten viele Läden schon vor einer Woche.

Bild: APA/Herbert Pfarrhofer

Der St.Galler Ökonom Peter Eisenhut vom Wirtschaftsberatungsunternehmen Ecopol, beobachtet die Ostschweizer Konjunktur mit Argusaugen. Ein entschlossenerer Ausstieg aus dem Lockdown würde dieser gut tun, sagt er.

Sie sind enttäuscht über die Exitstrategie des Bundesrates, warum?

Peter Eisenhut: Ich bin enttäuscht, weil die Entscheide und deren Begründungen teilweise nicht nachvollziehbar sind - oder fehlen. Warum sollen Socken zuerst im Supermarkt gekauft werden können und erst später im Kleidergeschäft? Weshalb können Massagepraxen öffnen, Fahrschulen aber noch nicht? Was meint der Bundesrat zu Schutzmasken? Wie geht es bei Restaurants oder Sportveranstaltungen weiter?

Der Bundesrat will wohl keine allzu schnelle Normalisierung riskieren.

Er ist nach wie vor bereit, fast alles zu tun, um die Ansteckungen zu minimieren. Dabei beachtet der Bundesrat aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgekosten zu wenig. Als er die Exitstrategie bekannt gab, machte er den Eindruck, diese Probleme würden dadurch wesentlich entschärft.

Das werden sie nicht?

Das ist eine Illusion. Es ist auch unverständlich, weshalb der Bundesrat nicht repräsentative Tests vorantreibt. Verlässliche Daten sind auch nach dem Lockdown absolut essenziell.

Was für eine Strategie wäre denn sinnvoller?

Hätte der Bundesrat mit gleicher Entschlossenheit gehandelt wie beim Lockdown, dann hätte er bei seiner Exitstrategie alle Tätigkeiten erlaubt, bei denen gewisse Schutzmassnahmen eingehalten werden können. Auf jeden Fall hätte er alle Läden und Märkte gleichzeitig geöffnet, so wie das Liechtenstein tut. Die Rheintaler werden es zu schätzen wissen.

Das wäre eine optimistische Strategie.

Ich habe das Musterrezept auch nicht. Aber eine Debatte über die beste Lösung ist notwendig.

Peter Eisenhut, Managing Partner Ecopol AG

Peter Eisenhut, Managing Partner Ecopol AG

Wie beurteilen Sie die Strategie bisher?

In der ersten Phase ging es darum, die Neuinfektionen zu bremsen, um die Spitäler vor einem Kollaps zu bewahren. Das ist gelungen – «zu gut» gelungen, meine ich. Die Ostschweizer Spitäler sind nur zur Hälfte belegt und haben Kurzarbeit beantragt. Im Kanton St.Gallen sind aktuell 42 Patienten hospitalisiert, sieben auf der Intensivstation. Viel mehr waren es nie. Aber die wirtschaftlichen Schäden sind enorm. Jeden Werktag steigt die Zahl der Arbeitslosen um 2000 Personen. Auch weiterhin verlieren wir täglich 250 bis 300 Millionen Franken an Wertschöpfung. Die Balance stimmt nicht mehr.

Was wäre denn die richtige Balance?

Das weiss ich auch nicht. Aber dass sie nicht mehr stimmt, ist offensichtlich. Eine mutigere Neujustierung wäre deshalb notwendig. Es darf nicht mehr darum gehen, jede Infektion zu verhindern, sondern darum, Ansteckungen zuzulassen, wo sie am wenigsten schaden. Es macht Sinn, die Schulen zu öffnen und diejenigen wieder arbeiten zu lassen, für die eine Ansteckung kaum Probleme schafft. Covid-19 haben wir erst im Griff, wenn eine wir eine Impfung oder einen Durchseuchungsgrad von 60 Prozent erreicht haben. Wir werden das Virus nicht so schnell wieder los.

Was, wenn als Folge eine zweite Welle resultiert?

Für den maximalen Schutz vor dem Virus müsste man die Massnahmen verlängern. Aber wie lange? Um das Virus so zu besiegen, müsste der Lockdown gemäss britischen Forschern bis 2022 durchgehalten werden – mit gesellschaftlich und wirtschaftlich katastrophalen Folgen! Es geht nicht ums Maximum, sondern ums Optimum. Die Ansteckungskurve ist abgeflacht, Beatmungsgeräte wurden angeschafft. Ein Anstieg der Infizierten ist kein Grund mehr, in Panik zu verfallen.

Wäre es besser gewesen, keinen Lockdown durchzuführen? Die meisten Länder, die es versucht haben, sind davon abgekommen.

In Schweden hält man nicht viel von einem Lockdown. Geschäfte, Restaurants und Schulen sind weiter offen. Man setzt auf Selbstverantwortung und eine «kontrollierte» Durchseuchung der Gesellschaft.

Als Folge hat Schweden, wo die Seuche nach uns ankam, unterdessen mehr Corona-Tote und ist auf einer deutlich steileren Kurve.

Daraus resultiert eine höhere Anzahl Immuner. Deshalb ist Schweden besser als andere Länder auf eine zweite Welle vorbereitet. Auch in Schweden sind die wirtschaftlichen Auswirkungen durch das Virus tiefgreifend. Welche Strategie besser ist, kann noch kann nicht abschliessend beurteilt werden. Den Entscheid zum Lockdown des Bundesrates konnte ich durchaus nachvollziehen.

Was halten Sie von den Massnahmen der Ostschweizer Regierungen?

Sie ergänzen das vorbildliche Kreditprogramm des Bundes auf geeignete Art und Weise. Der grosse Druck hinsichtlich Konjunkturprogramme wird allerdings erst noch kommen. Hört man einigen Parlamentariern zu, könnte man meinen, es gebe keine Ausgabengrenze. Aber der Staat kann nur Geld ausgeben, wenn er es von den Bürgern vorher oder nachher einzieht. Er ist auf Menschen angewiesen, die arbeiten, Geld verdienen und Steuern zahlen.

Was ist die grösste Gefahr, die vom verlängerten Lockdown ausgeht?

Jeder einzelne Tag, an dem die Läden geschlossen und die Angestellten in Kurzarbeit bleiben, fällt ins Gewicht. Es wird aber unterschätzt, dass auch nach Beendigung des Lockdowns die Kapazitäten unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln massiv unter dem «Normalniveau» liegen. Wie viele Betriebe unter den neuen Bedingungen ihre Existenz bewahren können, wird sich zeigen. Die grösste Gefahr ist eine Konkurswelle und damit verbunden ein Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Bei direkt betroffenen Branchen wie der Gastronomie ist der Leidensdruck am höchsten. Wie sieht es in der Ostschweizer Industrie aus?

Die Exporte aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und beiden Appenzell sind im März um 8,6 Prozent gesunken. Wichtige Branchen wie Maschinen, Elektroapparate und Fahrzeuge verzeichneten sogar zweistellige Rückgänge.

Wird die Krise die Wirtschaft langfristig verändern?

Die Coronakrise wird langfristige Folgen haben, so auf die Verschuldung und die Inflation. Die Digitalisierung wird sich verstärken: «Online-Arbeiten» und «Online-Shoppen» wird zunehmen. Geschäftsreisen werden dagegen nicht mehr auf das Vorkrisenniveau steigen. Aber auch die Globalisierung leidet an einem Virus: Die Krise hat uns die Anfälligkeit von internationalen Lieferketten vor Augen geführt.