Europäische Zentralbank stemmt sich gegen die Krise - drei Erkenntnisse zum Zinsentscheid

Christine Lagarde stellt ein umfassendes Massnahmenpaket vor. Die neue EZB-Chefin will vor allem eine Liquiditätskrise vermeiden.

Daniel Zulauf und Niklaus Vontobel
Hören
Drucken
Teilen
Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde.

Julien Warnand / EPA

Die Europäische Zentralbank verzichtet auf eine weitere Leitzinssenkung. Der Einlagensatz für europäische Geschäftsbanken bleibt bei -0,5 Prozent. «Das ist eine sehr gute Entscheidung», sagt Stefan Gerlach, Chefökonom der Züricher EFG Bank, der bis 2015 stellvertretender Chef der «Bank of Ireland» war. Eine Zinssenkung hätte in der aktuellen Krisensituation wenig geholfen, meinte er.

Für die Schweizerische Nationalbank nimmt der Druck nun ab ihrerseits eine weitere Leitzinssenkung vorzunehmen.

Stattdessen beschliesst die EZB zusammen mit der Europäischen Bankenaufsicht eine Reihe von Massnahmen, welche den Geschäftsbanken die Kreditvergabe erleichtern sollen.

Konkret wird den europäischen Kreditinstituten erlaubt, die bestehenden Kapitalunterlegungsvorschriften in der Kreditvergabe während einer beschränkten Zeit zu unterschreiten, womit sich deren Kapazität erhöht zusätzliche Ausleihungen vorzunehmen. 

So sollen die Banken dazu bewegt werden, mehr Kredite zu vergeben und so besonders betroffene Branchen und Unternehmen unterstützen. Das soll vor allem kleinen und mittelgrossen Firmen helfen.

Zudem dürfen die Geschäftsbanken nach Massgabe der Bankenaufsicht ab sofort auch nachrangige Anleihen zum Kernkapital hinzurechnen. Die Massnahme sollte ursprünglich per Anfang 2021 eingeführt werden. Die für 2020 vorgesehenen europaweiten Stresstests, mit denen die Aufsichtsbehörde die Kapitalkraft der Banken prüft, werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Sollte nicht zu Gunsten des Managements eingesetzt werden

Die Bankenaufsicht erwartet, dass die Banken diese Erleichterungen zur Unterstützung der Wirtschaft und nicht zur Erhöhung von Dividenden für die Aktionäre und für Bonuszahlungen zu Gunsten des Managements einsetzen wird.

Die EZB will den Banken ihrerseits zusätzliche Liquiditätshilfen zur Verfügung stellen. Diese werden zu einem Negativzins von 0,25 Prozent angeboten. Darüber hinaus werden die Bedingungen, welche die Verfügbarkeit dieser Liquiditätshilfen regeln gelockert.

Zudem will die EZB das laufende Anleihenrückkaufprogramm um 120 Milliarden Euro aufstocken um die Risikoaufschläge auf Unternehmensanleihen zu dämpfen. Auf den Finanzmärkten war unmittelbar keine positive Reaktion auf die Massnahmen festzustellen.

Während sich der Franken gegenüber dem Euro leicht verteuert hat und nur noch knapp über der Marke von 1,05 Franken pro Euro liegt, rutschen die Kurse an den Aktienmärkten weiter ins Minus.

Diese drei Erkenntnisse ergeben sich aus dem Entscheid. 

1. Es ist ein Liquiditätskrise - die Zinsen zu drücken reicht nicht  

Dass die Zinsen massiv heruntergedrückt wurden – das war eines der wichtigsten Instrumente in der Finanzkrise. Doch die Corona-Krise ist etwas anders gelagert. Nicht von Ungefähr hat die EZB nun auf Zinssenkungen verzichtet.

Die Corona-Krise scheint wirtschaftlich betrachtet vor allem zu einer gewaltigen Liquiditätskrise zu werden. An sich gesunde Unternehmen brechen die Einnahmen unvermittelt weg. Schon nach wenigen Wochen oder Monaten können sie darum ihre Rechnungen nicht mehr zahlen. Das Geld fehlt, also die Liquidität.

Stefan Gerlach, ehemaliger stellvertretender Notenbankchef Irlands, sagt zu CH Media:

«Die Wirkung von Leitzinssenkungen ist gering und tritt erst mit einer längeren Verzögerung in Kraft.»

Wichtig sei nun, die Liquidität der vielen kleineren Unternehmen sicherzustellen, die jetzt unter massiven Umsatzverlusten leiden.

Gerlach weiter: «Zu diesem Zweck müssen die Notenbanken jetzt die Kreditkapazität der Geschäftsbanken ausweiten. Die Bank of England hat das soeben vorgemacht, in dem sie die Kapitalunterlegungsanforderungen der Geschäftsbanken gelockert hat.» Genau in diese Richtung zielen nun auch die Massnahmen der EZB.

Gerlach sagt aber auch: «Die Leute sind sich inzwischen gewohnt in jeder Krise sofort an die Notenbanken zu denken. Doch zur Bewältigung der aktuellen Probleme sind diese nicht die beste Adresse». Die Zentralbanken sind auf Hilfe von den Staats- und Regierungschefs angewiesen. 

2. Die Zentralbanken können es nicht allein leisten

In den letzten Jahren überliessen die Regierungen die Bekämpfung von Krisen zunehmen den Zentralbanken. Die Herrscher oder Herrscherinnen über Euro, Dollar oder Franken konnten schnell und unbürokratisch reagieren. Experten und gelegentlich auch die Zentralbanken selber warnen schon lange: in der nächsten Krise werde ihre Spielraum begrenzt sein.

Dieser knappe Spielraum hat in allen westlichen Ländern zumeist den gleichen Grund: die Volkswirtschaften kamen nach der Finanzkrise nie derart in Schwung, das die Zentralbanken die Zinsen wieder in alte Höhen hätten hieven konnten. In der Eurozone stieg die Inflation nie weit über 2 Prozent. Also musste die EZB nie mit hohen Leitzinsen auf die Bremse stehen.

In den USA hat das US-Fed etwas mehr Spielraum. Die amerikanische Wirtschaft kam bedeutend besser aus der Finanzkrise als die europäischen. Aber das Fed hat nicht genügend Feuerkraft. Auch ihre Leitzinsen sind nicht so hoch, dass das US-Fed die Corona-Krise mit annähernd ähnlich grossen Zinssenkungen bekämpfen könnte, wie in früheren Krisen.

Diese Botschaft hat beispielsweise Mario Draghi immer wieder platziert. In einem seiner Abschieds-Interviews sagt der ehemalige EZB-Chef der Financial Times: Ob die EZB genug getan habe, fragte Draghi rhetorisch. Ja, sie habe genug getan - aber sie könne noch mehr tun. Aber die grosse Frage sei: was noch fehle? «Die Antwort ist Fiskalpolitik – das ist der grosse Unterschied zwischen Europa und den USA.»

Eine entsprechend Botschaft soll die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde schon vor ihrem heutigen Entscheid den europäischen Staats- und Regierungschefs überbracht haben. Lagarde betonte gemäss einem Insider, dass die EZB-Massnahmen nur dann erfolgreich sein könnten, wenn die Staatschefs dabei Schützenhilfe leisten.

So oder so sind beide – Regierungen und Zentralbanken – in der Pflicht. Sie müssen verhindern, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt. Die Gefahr besteht. Den Unternehmen brechen Umsätze weg. Die Banken wissen dies, und sie verlangen mehr Sicherheiten für einen Kredit. Beispielsweise höhere Zinsen oder eine schnellere Rückzahlung. Dadurch geraten die Unternehmen erst recht in eine Schieflage. Erste Meldungen von Konkursen verunsichern die Banken noch mehr.

Dass diese Mechanik schon begonnen hat, lässt sich an Indikatoren für den amerikanischen Finanzmarkt ablesen. In den USA finanzieren sich die Unternehmen zumeist – zu 80 Prozent – über Anleihen. An den Renditen, die Investoren haben für wollen für das Halten dieser Anleihen, lässt sich nun ablesen, wie das Ausfall-Risiko solcher Unternehmens-Anleihen bewertet wird. Für Unternehmen, die vom Markt schon vor der Corona-Krise als risikoreich erachtet wurden, zeigt sich eine Verdoppelung der Renditen.

3. Frankenkurs – Jordan ist gefragt, einen neuen Frankenschock verträgt es nicht auch noch

Weiten Teilen der Schweizer Wirtschaft wird durch das Coronavirus ein Doppelschock verpasst. In der Produktion haben sie zu kämpfen, weil sie Ansteckungen ihrer Mitarbeiter vermeiden müssten. Auf der Nachfrageseite werden sie bislang noch ungleich stärker getroffen. Ihnen brechen die Umsätze weg. Die Lufthansa wird vom Einreisebann für Europäer getroffen, das US-Präsident Trump heute ausgesprochen hat. Sie verliert Unmengen an Geld, während die Kosten gleich bleiben. Der Schweizer Hotellerie gehen ebenfalls über 40 Prozent der Umsätze verloren.

Nun droht ein dritter Schock, auch ohne eine EZB-Zinssenkung. Der Euro verliert ständig weiter an Wert. Die Marke von 1.06 Franken scheint endgültig durchbrochen zu sein. Zuvor hatten die Investoren noch spekuliert, dass sich Schweizerische Nationalbank dagegen wehren würde. Falls sie dies getan hat, so hat sie inzwischen kapituliert. Gegenüber dem Jahresanfang ist der Euro damit um 2,8 Prozent schwächer. Jeder Prozentpunkt frisst den Schweizer Exporteuren nochmals etwas von der Marge weg. Die Touristen werden dadurch zusätzlich abgeschreckt. Das Online-Shoppen im Ausland wird verbilligt, der inländische Detailhandel ist im Nachteil.

Einen neuen Frankenschock verträgt es nun nicht auch noch. Damit steigt der Druck auf die Schweizerische Nationalbank. SNB-Präsident Thomas Jordan steht in der Pflicht. Es wird nicht damit getan sein, wenn die Zinsdifferenz zu den Europäischen Zinsen gleich bleiben. Denn die Investoren zittern vor den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus. Sie müssen selbst dieses Szenario einkalkulieren: dass Unternehmen ihre Schulden nicht zurückzahlen oder gar Staaten. Die Renditen auf italienische Staatsanleihen sind bereits stark gestiegen.

Die Investoren suchen Sicherheit. Ob sie da für Anlagen in Franken einen Viertel- oder gar ein halber Prozentpunkt weniger erhalten – das wird die Flucht in den Franken nicht verhindern. Und damit auch nicht einen neuerlichen Frankenschock.

Gerlach, der heute in der Schweiz sein Büro hat, schätzt die Lage in der Schweiz so ein: «Ich glaube die Schweizerische Nationalbank wird mit einer neuerlichen Drehung an der Zinsschraube sehr zurückhaltend sein. Ich befürchte, dass sie die Folgen der Corona-Krise noch als weniger gravierend einschätzt als dies in den meisten anderen Ländern der Fall ist.»

Mehr zum Thema