EUROPÄISCHE ZENTRALBANK HÄLT SCHWEIZERISCHE NATIONALBANK IN SCHACH: Sparer werden enteignet

Obwohl die US-Notenbank morgen ihre Zinsen erhöhen dürfte, ist die Schweizerische Nationalbank zum Stillhalten verdammt. Ihr Leitzins bleibt negativ. Weil aber die Inflation wohl anzieht, geht Kaufkraft verloren.

Thomas Griesser Kym
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US-Notenbankchefin Janet Yellen dürfte morgen eine Erhöhung der Leitzinsen bekanntgeben. (Bild: Susan Walsh/AP (Washington, 2. Juli 2014))

US-Notenbankchefin Janet Yellen dürfte morgen eine Erhöhung der Leitzinsen bekanntgeben. (Bild: Susan Walsh/AP (Washington, 2. Juli 2014))

Thomas Griesser Kym

Seit Anfang 2015 sind die Leit­zinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) negativ (siehe Grafik links), und auch die Europäische Zentralbank (EZB) zeigt ein Minuszeichen. Tiefe Zinsen sind günstig für Schuldner, beispielsweise für Hypothekarnehmer oder für hochverschuldete Staaten. Schlecht sind sie für Sparer – die Zinsen für Sparkonten liegen nahe null – oder für Pensionskassen, die Mühe haben, ­angemessene Renditen zu er­wirtschaften. Und es dürfte noch ­dicker kommen: Denn allgemein wird erwartet, dass die Inflation allmählich anzieht. Zwar beobachten Analysten wie Karsten Junius von J. Safra Sarasin weltweit auch einen sachten Trend zu höheren Zinsen. Doch «Sparer werden sich im kommenden Jahr wahrscheinlich mit der unangenehmen Situation konfrontiert sehen, dass die Inflation temporär überschiesst», warnt Jochen Stanzl von CMC Markets. Das heisst: Die Nominalzinsen dürften langsamer ansteigen als die Teuerungsraten, also die Inflation. Wenn aber diese höher ist als die Nominalzinsen, wird der Realzins negativ. Geld auf dem Sparkonto verliert an Kaufkraft, Sparer werden enteignet.

Für allmählich anziehende Zinsen und damit eine Fortsetzung des Trends, der nach dem Brexit eingesetzt hat, sieht Junius mehrere Gründe: ein weltweit stärkeres Wirtschaftswachstum, höhere Staatsausgaben, geringere disinflationär wirkende Kräfte und ein erreichter Höhepunkt der Geldschwemme der Zentralbanken. Das sieht auch Stanzl so: Die Ankündigung der EZB von vergangener Woche, ihr Wertpapierkaufprogramm bis Ende 2017 zu verlängern, könnte «das letzte Mal gewesen sein, dass eine westliche Zentralbank eine so weitreichende Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen hat». Zudem weist die angekündigte Reduktion der Wertpapierkäufe von 80 Mrd. auf 60 Mrd. € pro Monat darauf hin, dass die EZB einen Weg sucht, die Geldschleusen stufenweise zu schliessen.

In der kurzen Frist freilich bedeutet der Entscheid der EZB, dass sie ihre ultraexpansive Geldpolitik verlängert. Damit aber bleiben auch der SNB die Hände gebunden. Sie orientiert übermorgen über ihre geldpolitische Lagebeurteilung und kann sich keine Schritte erlauben, die den ohnehin überbewerteten Franken zum Euro erstarken liessen. Laut UBS-Ökonom Alessandro Bee kann die SNB erst dann an eine Zinserhöhung denken, wenn sich der Franken nachhaltig abschwächt. Dafür aber müssten die Investoren zum Schluss kommen, dass die EZB ihr Wertpapierkaufprogramm endgültig auslaufen lässt und auch nicht wieder aufnimmt. Mit einer ersten Zinserhöhung durch die SNB, von –0,75% auf –0,5%, rechnet Bee erst im 2. Quartal 2018. Weitere Zinsschritte seitens der SNB sind laut Bee erst dann zu erwarten, wenn auch die EZB ihre Zinsen erhöht. Das aber dürfte nicht vor 2019 der Fall sein.

US-Notenbank vor einem Zinsschritt

Die Zuversicht für eine solidere Entwicklung der Weltwirtschaft speist sich vor allem aus den ­Erwartungen an die USA. Die Arbeitslosenquote ist auf 4,6% gefallen, die Konsumentenstimmung ist auf den höchsten Stand seit zwei Jahren geklettert, der neue Präsident Donald Trump hat ein gewaltiges Ausgaben­programm zur Stimulierung der Konjunktur angekündigt, die Inflation zeigt aufwärts. Diese könnte weiter zunehmen, falls die Ölförderländer ihre Ankündigung einer Drosselung der Produktion umsetzen und sich der jüngste Anstieg der Ölpreise als nachhaltig entpuppt. Ökonomen gehen allgemein davon aus, dass die US-Notenbank Fed morgen an ihrem Treffen ihren Leitzins nach der ersten Erhöhung vor Jahresfrist ein zweites Mal heraufsetzt, um einen Viertelprozentpunkt auf 0,5% bis 0,75%. In der langfristigen Optik dürften höhere Zinsen in den USA auch einen Anstieg der Zinsen in Europa begünstigen. Aber: «Solange die EZB ihre Leitzinsen negativ hält, ist die SNB im Zinskeller gefangen», sagt Bee.

Er geht davon aus, dass sich die SNB auch weiterhin mit Devisenmarktinterventionen, also mit Käufen von Fremdwährungen, gegen die Frankenaufwertung zur Wehr setzt. Geholfen hat, dass die Euroschwäche teils kompensiert wird durch eine Aufwertung des Dollars zum Franken (siehe Grafik rechts). Das entlastet Schweizer Exporteure. Laut Martin Eichler, Chefökonom der BAK Basel, «scheint der Grossteil der Schweizer Wirtschaft mittlerweile mit einem Eurokurs von knapp 1.10 Franken zurechtzukommen». Im späteren Jahresverlauf von 2018 erwartet er eine Abwertung in Richtung 1.15 Fr. pro Euro. Gleichzeitig spricht der BAK-Ökonom aber von weiterhin «erheblichen globalen Risiken» (siehe auch Text unten).

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