«Europa bleibt wackeliges Gebilde»

Der Franken dürfte vorläufig nicht substanziell weiter an Wert verlieren, die Schweizerische Nationalbank und auch die US-Notenbank dürften ihre lockeren Geldpolitiken bestätigen. Davon geht UBS-Chefökonom Andreas Höfert aus.

Thomas Griesser Kym
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Europa kommt in die Gänge: Ein Wissenschafter des Pharmakonzerns Bayer forscht in seinem Labor in Wuppertal an einem Herz-Kreislauf-Mittel. (Bild: pd)

Europa kommt in die Gänge: Ein Wissenschafter des Pharmakonzerns Bayer forscht in seinem Labor in Wuppertal an einem Herz-Kreislauf-Mittel. (Bild: pd)

Herr Höfert, vergangenen Freitag ist der Euro erstmals seit der Aufhebung des Mindestkurses über die Marke von 1.10 Franken gestiegen. Wie geht es Ihrer Ansicht nach weiter mit dem Wechselkurs?

Andreas Höfert: Ich denke nicht, dass sich der Franken in nächster Zeit viel weiter abschwächen wird. Die jüngste Bewegung dürfte auch damit zusammenhängen, dass einige Experten erwarten, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre Geldpolitik noch einen Tick lockerer machen könnte. Und natürlich spielt die Zinsdifferenz eine Rolle: Die SNB hat mit ihren Negativzinsen Frankenanlagen unattraktiver gemacht im Vergleich zu Anlagen in Euro.

Ökonomen verweisen auch darauf, dass die Volkswirtschaft der Eurozone an Fahrt aufnimmt.

Höfert: Europa geht es wirtschaftlich tatsächlich besser, und die Turbulenzen wegen der Griechenland-Krise haben sich vorerst gelegt. Aber falls die Verwerfungen wieder anziehen, wird der Franken wieder zum sicheren Hafen. Die nächsten Unsicherheitsfaktoren sind schon in Sicht, etwa die anstehenden Wahlen in Griechenland, Portugal, Spanien und Frankreich. Dazu kommt der Streit in der EU über die Verteilung der Flüchtlinge. Das alles zeigt: Europa bleibt ein wackeliges Gebilde.

Falls der Euro zumindest die Marke von 1.10 Franken hält: Erwarten Sie, dass Schweizer Firmen auf breiter Front Arbeitszeiten wieder verkürzen oder Verlagerungs- und Abbaupläne überdenken?

Höfert: Das erwarte ich nicht. Für die Schweizer Exportwirtschaft war schon der Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro schwierig. Und eine Entwicklung in diese Richtung sehe ich in nächster Zeit nicht. Gemessen an der Kaufkraftparität liegt der faire Wechselkurs bei etwa 1.30.

Am Donnerstag nimmt die SNB ihre geldpolitische Lagebeurteilung vor. Womit rechnen Sie?

Höfert: Mit einer Bestätigung des Status quo. Solange die Europäische Zentralbank nicht restriktiver wird, kann das auch die SNB nicht. Zudem läuft die Schweizer Wirtschaft zwar besser als zunächst erwartet, aber weniger gut als jene der Eurozone.

Nach der SNB folgen die Entscheide der US-Notenbank Fed. Der robuste Arbeitsmarkt spräche für eine Zinserhöhung, die niedrige Inflation dagegen.

Höfert: Der Gang der US-Wirtschaft hätte schon vor einem Jahr für einen ersten Zinsschritt gesprochen. Seither stellt sich die Frage, ob der Markt die Fed dirigiert oder die Fed den Markt. Ich gehe davon aus, dass die Fed diesmal erneut still hält, weil das auch den Markterwartungen entspräche und sie sonst Turbulenzen und Verunsicherung auslösen könnte. Aber die Fed dürfte den Markt auch vorbereiten mit einem Passus in der Art: Diesmal erhöhen wir die Zinsen noch nicht, aber seid vorgewarnt, dass wir es das nächste oder übernächste Mal tun werden.

Weshalb hält die Fed immer noch trotz des relativ guten Gangs der US-Wirtschaft an ihrer lockeren Geldpolitik fest?

Höfert: Die Fed will wohl einfach auf Nummer sicher gehen und nicht riskieren, die Zinsen zu früh anzuheben. Zudem ist der Aufschwung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 und 2008 deutlich schwächer als früher. In den vergangenen sechs Jahren ist die US-Wirtschaft jährlich um 2 bis 2,5 Prozent gewachsen. Das ist weniger als das, was die Amerikaner als Potenzialwachstum erachten.

Wie schätzen Sie China und dessen Wirtschaft ein?

Höfert: Die Aussichten sind diffus. Kurzfristig wird das Problem wohl überschätzt. Chinas Wirtschaft wächst geringer als auch schon, aber von einer Rezession kann keine Rede sein. Der Markt hat zu negativ reagiert. Aber mittelfristig könnte es Probleme geben. Die enormen Währungsreserven von 3500 Milliarden Dollar gehen als Folge der Yuan- Abwertung zurück, weil es zu einer Kapitalflucht in entwickelte Länder kommt. Hält diese an, könnte China Zahlungsbilanzprobleme bekommen.

Wie beurteilen Sie den Umgang Europas in der Flüchtlingskrise?

Höfert: Die Flüchtlingskrise zeigt, wie zerstritten Europa ist. Zudem gibt die Entwicklung Parteien und Gruppierungen am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums Auftrieb. Der Flüchtlingsstrom kann vor allem Rechtsextreme stärken. All das stellt die europäische Konstruktion in Frage, und das bereitet mir Sorgen.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat jüngst gesagt, sein Unternehmen wolle in Flüchtlingszentren über Voraussetzungen und Möglichkeiten zur Arbeit bei dem Autobauer informieren. Was halten Sie davon?

Höfert: Es gibt einen Trend, dass Europa schrumpft, relativ gesehen zum Rest der Welt. Demographische Projektionen der UNO besagen, dass zum Beispiel Deutschland in 30 Jahren 10 bis 15 Millionen Einwohner weniger haben wird. Migration ist die einzige Antwort, um einen solchen Rückgang aufzufangen und genügend Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Unter den Flüchtlingen, die jetzt ankommen, hat es sicher auch solche, die helfen können, den Arbeitskräftemangel zu lindern. Und schliesslich unterstützt die Integration der Menschen in den Arbeitsprozess auch deren Integration in die Gesellschaft.

Andreas Höfert UBS-Chefökonom (Bild: Ralph Ribi)

Andreas Höfert UBS-Chefökonom (Bild: Ralph Ribi)