EU-Wirtschaft spürt Frühling

Der Aufschwung in der Eurozone gewinnt an Fahrt. Doch die Ungewissheit ist gross, ob er von Dauer sein wird. Denn derzeit profitiert die Wirtschaft im Euroraum auch von Sonderfaktoren.

Fabian Fellmann
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Airbus-Mitarbeiter bemalen den Flügel eines A350 XWB. (Bild: Airbus/F. Lancelot)

Airbus-Mitarbeiter bemalen den Flügel eines A350 XWB. (Bild: Airbus/F. Lancelot)

BRÜSSEL. «Der wirtschaftliche Frühling ist da»: EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici konnte gestern heitere Prognosen für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone verkünden. Im laufenden Jahr soll es 1,5% betragen, 0,2% mehr als bei der letzten Prognose geschätzt. Die ganze EU-28 dürfte sogar noch etwas schneller um 1,8% wachsen. In der Rezession bleibt einzig Zypern stecken, in allen anderen Mitgliedsländern dürfte die Wirtschaft zulegen. Vorbei scheinen auch die Zeiten, in denen die Ökonomen in Brüssel eine Deflationsspirale mit sinkenden Preisen fürchteten. Im laufenden Jahr ist die Teuerung mit 0,1% zwar sehr schwach. Das liegt aber hauptsächlich an den tiefen Energiepreisen. Bereits im nächsten Jahr soll die Inflation auf 1,5% anziehen.

Binnenmarkt wacht auf

Verbessert hat die EU-Kommission ihre Prognosen, weil die Nachfrage auf dem Binnenmarkt stärker steigt als erwartet. Gleichzeitig profitiert die Wirtschaft davon, dass sich der Ölpreis nach wie vor auf tiefem Niveau bewegt. Schliesslich hat sich auch der Euro gegenüber dem Dollar abgeschwächt, was die Exportunternehmen beflügelt. Das Quantitative Easing genannte Programm, mit dem die Europäische Zentralbank seit März monatlich 60 Mrd. € in die Märkte speist, wirkt sich gemäss den Analysen der EU-Kommission stärker aus als erwartet. Moscovici liess den freudigen Nachrichten allerdings sogleich eine Warnung folgen. «Jetzt müssen wir mehr tun, damit der Frühling mehr als nur eine Saison dauert», sagte der Kommissar gestern in Brüssel. Dazu gehört eine Einigung mit Griechenland über seine Hilfsprogramme. Die politische Ungewissheit über die griechischen Staatsfinanzen unterhöhlt nicht nur die griechische Wirtschaft, sondern löst in der ganzen Eurozone Verunsicherung aus. Zudem müssen die Mitgliedsländer Reformen ihrer Arbeits- und Binnenmärkte umsetzen sowie ihre Staatsausgaben in den Griff kriegen. Die Arbeitslosigkeit etwa geht nur sehr langsam zurück. Im laufenden Jahr dürfte sie in der Eurozone rund 11% betragen und im nächsten Jahr lediglich auf 10,5% sinken.

Auch verschulden sich die Staaten weiter; ihre Staatsdefizite dürften sich 2015 auf 2,5% der Wirtschaftsleistung belaufen, wenn auch mit sinkender Tendenz. Dank des Wirtschaftswachstums dürfte sich immerhin die Verschuldungsquote verbessern und in der ganzen EU in diesem Jahr 88% der Wirtschaftsleistung betragen.

Aussergewöhnliche Umstände

Wie gut die Frühjahrsprognosen wirklich sind, ist allerdings fraglich. Es sei der heiterste Frühling seit vielen Jahren, sagte Kommissar Pierre Moscovici. Doch räumte er ein, die europäische Wirtschaft habe viel «Rückenwind» – die Zinsen sind tief, auch für die Staatsschulden, die Energiepreise sind tief, der Euro schwach.

Die internationalen Finanzmärkte zeigten sich jedenfalls wenig begeistert von den jüngsten Zahlen aus Brüssel. Obwohl einzelne exportorientierte Titel wie jene des deutschen Halbleiterherstellers Infineon zulegen konnten, schlossen Börsen weltweit den gestrigen Handelstag im Minus.

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