Etappensieg für Weselsky

Die Deutsche Bahn und der umstrittene Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, einigen sich auf ein Schlichtungsverfahren. Der Streik ist beendet, doch schon droht ein neuer.

Christoph Reichmuth
Drucken
Teilen
Parkierte Züge in Hamm. Nach der Einigung auf ein Schlichtungsverfahren kommt der Zugverkehr in Deutschland wieder in Gang. (Bild: epa/Bernd Thissen)

Parkierte Züge in Hamm. Nach der Einigung auf ein Schlichtungsverfahren kommt der Zugverkehr in Deutschland wieder in Gang. (Bild: epa/Bernd Thissen)

BERLIN. Deutsche Pfingstreisende atmen auf: Die Züge fahren seit gestern abend wieder mehr oder weniger planmässig, der Fernverkehr soll spätestens ab morgen wieder gemäss Fahrplan rollen. Die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL rund um ihren kampfeslustigen Chef Claus Weselsky konnten sich gestern früh nach nächtlicher, stundenlanger Verhandlung auf ein Schlichtungsverfahren einigen. Dieses dauert vom 27. Mai bis zum 17. Juni. Während dieser Zeit ruft die GDL nicht zur Arbeitsniederlegung auf.

«Keine erste und zweite Klasse»

Offensichtlich hat Weselsky in der bereits neunten Streikrunde zumindest einen taktischen Sieg errungen. Die Bahn akzeptiert, dass die GDL eigene Verhandlungen auch für das Zugpersonal führt, offiziell unabhängig davon, was in anderen Tarifverträgen für das Zugpersonal festgehalten ist. Ob die Schlichtung dennoch in eine Einigung mündet, bleibt dahingestellt. Bahn-Personalchef Ulrich Weber stellte gestern jedenfalls klar: «Wir bleiben dabei, dass es keine Mitarbeiter erster und zweiter Klasse geben darf.» Mit anderen Worten: Die Tarifverträge mit der GDL dürfen von Tarifverträgen mit der anderen Bahngewerkschaft EVG nicht abweichen.

«Gordischer Knoten»

Weselsky zeigte sich gestern dennoch hoch zufrieden: «Nach fast einem Jahr Tarifkonflikt konnte mit dem Druck im neunten Arbeitskampf der gordische Knoten durchschlagen werden.» Die Beharrlichkeit des ehemaligen Lokführers scheint sich zumindest vorerst ausbezahlt zu haben. Auf dieser Basis könnten nun die eigentlichen Verhandlungen über Arbeitszeit, Lohn und Abbau von Überstunden beginnen. Doch auch hier herrschen grosse Differenzen zwischen Weselskys Forderungen und den Angeboten der Bahn.

Bahn und GDL haben für das Schlichtungsverfahren zwei bekannte Politiker berufen. Die GDL lässt sich von Bodo Ramelow (Linkspartei), Ministerpräsident von Thüringen und ehemaliger Gewerkschafter, vertreten. Die Bahn hat den früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) einberufen. Während sich Platzeck gestern vornehm zurückhaltend äusserte («Schlichten und schweigen ist das Gebot»), goss Ramelow mit kernigen Worten Öl ins lodernde Feuer. Er habe in seinem Leben viele Tarife verhandelt, sagte Ramelow und kritisierte mit Blick auf die Deutsche Bahn: «Ein derart unprofessionelles Vorgehen habe ich noch nicht erlebt.» Abzuwarten bleibt, ob die Schlichtung Erfolg hat. Wenn die Bahn darauf beharrt, für beide Gewerkschaften gleiche Tarifverträge abzuschliessen, dürfte Weselsky mit neuerlichem Streik kontern.

Auch EVG droht mit Streik

Zudem ist noch nicht einmal ganz klar, ob die Einigung auf Schlichtung Behinderungen im Bahnverkehr auch für die nahe Zukunft tatsächlich im letzten Moment abgewendet hat. Kaum hatten sich nämlich GDL und Bahn auf das Verfahren verständigt, drohte die EVG mit Warnstreiks nach Pfingsten. Auch sie fordert mehr Lohn für das Bahnpersonal. Die EVG dürfte kaum akzeptieren, falls die GDL-Leute nach der Schlichtung bessergestellt sein sollten als die eigenen. «Wir werden streiken müssen, wenn wir nicht zu einem Ergebnis kommen», drohte EVG-Chef Alexander Kirchner.