Detailhandel
Es wird immer schwieriger, ein echtes Coop- oder Migros-Kind zu sein

Migros und Coop vergrössern ihr Imperium Jahr für Jahr durch Firmenübernahmen. 2013 erzielten beide Gruppen einen Umsatz von rund 27 Milliarden Franken – trotzdem gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen den beiden Detailhandelsriesen.

Thomas Schlittler
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Röstigraben? Was für ein Quatsch! Wenn es in der Schweiz so etwas gibt wie einen mentalen Apartheids-Äquator, dann liegt dieser zwischen Migros- und Coop-Kindern. In der Schweiz wird man entweder als Migros-Kind oder als Coop-Kind geboren – und das bleibt dann für immer so.

Dieser Meinung ist zumindest der Kabarettist Gabriel Vetter. Der Slam-Poet meint auch zu wissen, was der Unterschied ist zwischen den beiden Gattungen: Coop-Kinder seien verwöhnte Gören, Migros-Kinder arme Schlucker. Auf Youtube wurde sein Auftritt bei «Giacobbo/Müller» fast 230 000-mal angeschaut (Siehe Video).

Zweigeteilte Schweiz

So übertrieben und undifferenziert die Aussagen des Wortakrobaten auch sein mögen – sie kommen nicht von ungefähr, sondern haben einen geschichtlichen Hintergrund. Während Jahrzehnten kam es für Teile des Bürgertums nicht infrage, bei der Migros einzukaufen.

Preise, die lange bis zu 30 Prozent unter dem üblichen Preisniveau lagen, waren vielen suspekt.

Markenartikelhersteller und Konkurrenten schreckten selbst vor Lieferboykotten und politischen Verboten nicht zurück, um die Migros aus dem Markt zu drängen.

Auch der mächtige Verband schweizerischer Konsumvereine (VSK), der 1969 in Coop unbenannt wurde, bekämpfte den aufmüpfigen Aussenseiter bis aufs Letzte – ohne Erfolg.

Diese emotionale Ursprungsgeschichte ist wohl der Grund dafür, dass es auch heute noch Leute gibt, für die die Frage «Migros oder Coop?» einer politischen Entscheidung gleichkommt.

Heute ist die Wahrscheinlichkeit aber hoch, dass das eine oder andere Coop-Kind in einem Laden der Migros-Gruppe einkauft, ohne sich dessen bewusst zu sein – das Gleiche gilt umgekehrt.

Der Grund: Die beiden orangen Riesen haben sich den Schweizer Detailhandel praktisch untereinander aufgeteilt. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem keiner der beiden eine grössere Übernahme tätigt.

Immer auf Suche nach Kandidaten

Der Migros gelang der grösste Coup 2007 mit der Übernahme von Denner. 2009 kam die deutsche Warenhauskette Depot dazu, und 2012 sicherte man sich 30 Prozent an Digitec. Ab 2015 gehört der Online-Elektronikhändler ganz zur Migros-Gruppe.

2013 wurde der deutsche Lebensmittelhändler Tegut eingegliedert und seit Beginn dieses Jahres hat auch das Schweizer Modehaus Schild seinen Hauptsitz am Zürcher Limmatplatz.

Schild soll helfen, dass die Migros endlich auch im Textilmarkt richtig Fuss fassen kann. Diverse kleinere Akquisitionen sind in dieser Aufzählung nicht einmal erwähnt.

Auch die Coop-Gruppe ist immer wieder für eine Übernahme gut. Den grössten Brocken schluckten die Basler 2010 mit Transgourmet. Die europaweit tätige Grosshandelsgruppe ist mit einem Umsatz von 8,3 Milliarden Franken mittlerweile der zweitwichtigste Umsatzpfeiler von Coop – nach den traditionellen Supermärkten.

Ebenfalls 2010 übernahm Coop die 37 Schweizer Filialen von «The Body Shop». 2012 folgte die Koch-Marke Betty Bossi.

Vor wenigen Wochen schliesslich sorgten die Akquisitionen der Gastronomiekette Marché und des Onlinehändlers Nettoshop für Aufsehen.

Migros in der Schweiz stärker

Im gesättigten Schweizer Detailhandel ist Wachstum aus eigener Kraft nur beschränkt möglich. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass Migros und Coop auch in Zukunft auf Übernahmen setzen werden. Im Moment erzielen beide Unternehmen einen Umsatz von rund 27 Milliarden Franken.

Allerdings sind diese Milliarden extrem unterschiedlich verteilt. Während die Migros-Gruppe nur 11 Prozent der Erlöse im Ausland erwirtschaftet, sind es bei Coop 28 Prozent.

Hierzulande ist die Migros also deutlich grösser. Das hat auch mit der Diversifikation zu tun: Mit der Reisegruppe Hotelplan, der Migros-Bank, den Klubschulen, Fitnesszentren und Schwimmbädern ist die Migros deutlich mehr als nur ein Detailhändler.

Nicht zu vergessen sind auch die diversen Industriebetriebe, welche die Migros-Läden mit selbst hergestellten Produkten beliefern. Coop hat zwar auch eigene Produktionsbetriebe, traditionell kauft das Unternehmen aber deutlich mehr Markenware ein.

Trotz Einkaufstourismus und dem Marktantritt der deutschen Discounter Aldi und Lidl kann festgehalten werden: Migros und Coop sind grösser und stärker denn je.

Mit ihrer Grösse haben die beiden Unternehmen auch an Gelassenheit gewonnen: Gegenseitige Anfeindungen gehören der Vergangenheit an.

Der Konkurrenzkampf hält zwar an, ist aber geprägt von gegenseitigem Respekt. Sehr wahrscheinlich fragt sich deshalb in ein paar Jahren niemand mehr, ob er bei Migros oder Coop einkaufen soll. Die alten Wunden sind verheilt.

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