«Es wird alles ausgewertet»

Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Am Bodensee-Wirtschaftsforum des Thurgauer Wirtschaftsinstituts (TWI) wurde der Umgang mit Daten diskutiert. Die Erkenntnisse sind ernüchternd.

Stefan Borkert
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Bruno Baeriswyl, Urs Fischbacher und UIrik Brandes (v. l.) diskutieren am Rande des Wirtschaftsforums den Umgang mit Daten. (Bild: Stefan Borkert)

Bruno Baeriswyl, Urs Fischbacher und UIrik Brandes (v. l.) diskutieren am Rande des Wirtschaftsforums den Umgang mit Daten. (Bild: Stefan Borkert)

KREUZLINGEN. In der digitalisierten und vernetzten Welt werden Daten erhoben, gesammelt und ausgewertet. Unternehmen erstellen von Kunden Profile, Bewegungsprofile, analysieren Einkaufsverhalten und generieren massgeschneiderte Angebote. Ulrik Brandes, Informatikprofessor am Lehrstuhl für Algorithmik an der Universität Konstanz, macht sich keine Illusionen.

Kein Schutz

Selbst, wenn man etwa in Facebook nur wenig von sich preisgebe, werde man über die Freunde und Profile der Anderen identifizierbar. Und den Unternehmen komme es nicht so sehr auf den Einzelnen an, sondern auf eine bestimmte Zielgruppe. Er schüttelt auch den Kopf, als es um technische Möglichkeiten geht, wie der Einzelne sich vor dem Missbrauch seiner Daten schützen kann. «Technische Möglichkeiten zum Datenschutz sind mir eigentlich nicht bekannt», so seine ernüchternde Erkenntnis. Anhand eigener Untersuchungen und solcher von anderen Universitäten zeigte er auf, wie man Datenmengen aus etwa sozialen Netzwerken so auswertet, dass auch jene Personen und deren Vorlieben erkennbar werden, die diese nicht öffentlich machen wollten. Die Meinung, Datenschutz betreffe Andere, oder ich habe ja nichts zu verbergen, treffe nicht zu. Er zitiert deshalb lieber Sartre: «Die Hölle, das sind die Anderen.»

Urs Fischbacher, Moderator des Forums und Leiter des TWI, sagte, dass er natürlich das Internet und moderne Kommunikation für den wissenschaftlichen Austausch gebrauche. Er wisse aber auch, dass er dabei Spuren hinterlasse und Unternehmen wie Google die Daten nutzen. Und er gibt zu: «Mir ist völlig unklar, was meine Handynutzung für Auswirkungen hat.»

Mehr Transparenz

Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich, kennt diese Fragen und Probleme. Er fordert mehr Transparenz, was den Umgang mit den Daten angeht. Er macht sich aber auch keine Illusionen. «Daten werden gesammelt und nicht gelöscht. Alles wird ausgewertet.» Ausserdem gebe man in der Regel mit der Anerkennung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Nutzung seiner Daten ab und erlaube deren Vermarktung und Auswertung. Datenschutz als Grundrecht für Bürger einer liberalen Gesellschaft sei eher eine europäische Sichtweise. Die US-Lobby, die das anders sehe, sei sehr stark. Seit zwei Jahren würden die Reformen der EU-Richtlinien zum Datenschutz, die mehr Transparenz vorsehen, blockiert. Und in der Schweiz warte der Bundesrat die EU-Entscheidung ab.