Es gilt das Prinzip Hoffnung

Am Weltwirtschaftsforum wird intensiv über die globale Geldschwemme und die Rolle von Notenbanken diskutiert. Die USA und Grossbritannien werden als Beispiele genannt, wo der Aufkauf von Staatsanleihen gelungen sei.

Urs Fitze
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Ray Dalio (rechts), Verwaltungsratspräsident des Hedgefonds Bridgewater, spricht mit Gary D. Cohn, Chef von Goldman Sachs. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

Ray Dalio (rechts), Verwaltungsratspräsident des Hedgefonds Bridgewater, spricht mit Gary D. Cohn, Chef von Goldman Sachs. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

DAVOS. Ray Dalio stellt am Weltwirtschaftsforum (WEF) eine provokante Frage: «Stehen wir am Ende eines Superzyklus?», fragt sich der Verwaltungsratspräsident von Bridgewater, dem grössten Hedgefonds der Welt. «Seit 1980 haben die Notenbanken immer dann, wenn es kriselte, die Zinsen gesenkt. Das hat funktioniert, solange es einen Spielraum von 3 bis 4 Zinsprozenten gab.» Diesen Spielraum gebe es nun angesichts von Nullzinsen nicht mehr, sagt Dalio. «Stattdessen stehen wir am Abgrund einer Deflation, und wir müssen uns die Frage stellen: Was ist Geld? Und was wollen wir damit anfangen?»

Anleihenkauf hat funktioniert

Wenn sich eine der laut dem US-Magazin «Time» einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt diese Frage stellt, muss einiges aus dem Ruder gelaufen sein. Tatsächlich üben sich Notenbanken weltweit seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 im Stopfen von Löchern, um der Politik Zeit und Spielraum zu schaffen für Reformen im Finanzwesen. In den USA und in Grossbritannien geschah dies mit dem Aufkauf von Staatsanleihen in der Höhe von einem Viertel des Bruttoinlandprodukts. Das Konzept ging einigermassen auf: Die Wirtschaft in beiden Ländern entwickelt sich besser als jene im Euroraum.

Larry Summers, früherer US-Finanzminister und heute Professor an der Universität Harvard, verweist dagegen auf den Umstand, dass die Arbeitslosigkeit unter Männern im produktivsten Alter von 25 bis 54 Jahren in den USA weit höher liege als im krisengeschüttelten Frankreich. Ein besseres Rezept als den von der Europäischen Zentralbank gestern angekündigten Aufkauf von Staatsanleihen hat Summers indes auch nicht parat.

Wird Kredithahn aufgedreht?

So herrscht das Prinzip Hoffnung, nämlich, dass die Banken mit der Geldschwemme etwas anzufangen wissen und den Kredithahn aufdrehen. Doch sind diese dazu auch bereit? Oder folgen sie den Mustern der Vorkrisen-Zeit, als das klassische Kreditgeschäft vor allem die globalen Institute immer weniger interessierte? Stattdessen wurde mit gewaltigen, fast ausschliesslich geliehenen Mitteln in alle möglichen Wertschriften investiert, um des schnellen Geldes willen. Laut Martin Wolf, Chefkommentator der britischen Wirtschaftszeitschrift «The Economist», wird nach wie vor mit Risikomodellen operiert, die per se unzuverlässig seien, weil niemand die Zukunft vorhersagen könne. Und nach wie vor würde mit einer viel zu niedrigen Eigenkapitaldeckung spekuliert.

Ungenügende Regulierung

Das wirft auch ein Schlaglicht auf die Regulierungsbehörden. Diese hätten sich als unfähig erwiesen, einen weltweit gültigen Standard zu etablieren, welcher die Banken zur Selbstdisziplin zwinge, sagt die renommierte Ökonomin Anat Admati.

Wenn man bedenke, dass die grössten Finanzinstitute der Welt nach Übernahmen und Fusionen heute noch grösser seien als vor der Finanzkrise, könnte sich die damalige Krise schon bald als Vorspiel zu einer noch weit schlimmeren erweisen, befürchtet Martin Wolf.