Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Es droht ein schwarzer Freitag»

Brexit-Kämpfer predigen sonnigen Optimismus. Dabei sind sich Unternehmer und Ökonomen einig: Auf Grossbritannien kämen ausserhalb der EU erhebliche wirtschaftliche Probleme zu.
Sebastian Borger
Weltfirmen wie Rolls-Royce warnen vor einem Austritt Grossbritanniens aus der EU. Bei kleinen Unternehmen sind die EU-Gegner stärker vertreten. (Bild: pd)

Weltfirmen wie Rolls-Royce warnen vor einem Austritt Grossbritanniens aus der EU. Bei kleinen Unternehmen sind die EU-Gegner stärker vertreten. (Bild: pd)

LONDON. Auf der einen Seite stehen Weltfirmen. Der Turbinenbauer Rolls-Royce, die Waffenfabrik BAE Systems, der Software-Gigant Microsoft. Banken wie JP Morgan, Lloyds und RBS, die Autohersteller BMW und Ford, die Ölkonzerne Shell und BP, die Billigflieger Easyjet und Ryan Air, schliesslich auch die sehr britische Kaufhauskette John Lewis – allesamt haben sie ihre Angestellten und die Briten insgesamt vor dem Brexit gewarnt. Der Austritt aus der EU werde Arbeitsplätze kosten und Investitionen abschrecken. Der hochangesehene Virgin-Boss Richard Branson schaltete gestern ganzseitige Zeitungsanzeigen und versuchte es auf Twitter mit drastischen Worten: Wer dem Brüsseler Club den Rücken kehre, trete nicht dem Establishment in die Eier, sondern schiesse sich selbst ins Knie.

Auf eigenen Füssen stehen

Das Brexit-Lager kann zwei Exporteure britischer Markenprodukte vorweisen: Staubsauger-König James Dyson sieht die EU von Deutschen dominiert, Anthony Bamford von der Baufahrzeugfirma JCB gibt sich zuversichtlich, «dass wir auf eigenen Füssen stehen können». Immer wieder betonen die Sprecher der Vote-Leave-Lobby, die Nachbarn auf dem Kontinent würden auch ohne den Schutz des Binnenmarktes Handel treiben wollen. Weil die Insel unter anderem für Deutschland ein riesiger Absatzmarkt ist, «sind die von uns abhängiger als wir von ihnen», sagt Finanzstaatssekretärin Andrea Leadsom.

Umgekehrt gehen gut 40% aller britischen Exporte in die anderen 27 EU-Mitgliedsländer. Ein wichtiger Grund, warum Mitglieder des Industrieverbandes CBI, in dem grosse Unternehmen den Ton angeben, mit riesiger Mehrheit (77:6) für den Verbleib votieren. Hingegen verfängt bei kleineren Firmen die Klage über zu viel Bürokratie aus Brüssel. Bei einer Mitgliederbefragung behielten die EU-Befürworter mit 47 zu 41% nur knapp die Oberhand.

In der makroökonomischen Diskussion herrscht hingegen weitgehend Einigkeit. Die britische Zentralbank, die US-Federal Reserve, der Internationale Währungsfonds (IWF), die Welthandelsorganisation (WTO), der Pariser Think-Tank OECD, nicht zuletzt das unabhängige Londoner Fiskalinstitut IFS, allesamt sagen sie der Börse und dem Pfund einen kurzfristigen schweren Schock voraus. Die starken Schwankungen der letzten Tage seien darauf nur ein Vorgeschmack gewesen, glaubt der unabhängige Londoner Analyst Howard Wheeldon: «Der Rest der Welt will eindeutig, dass wir drinbleiben.»

Schwere Konsequenzen

Eine düstere Warnung formulierte gestern auch der weltberühmte Währungsspekulant George Soros, der 1992 mit Wetten gegen das Pfund eine Milliarde verdient hat. Damals habe das Land nach dem ursprünglichen Schock wenigstens mittelfristig von seinem Ausscheiden aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) profitieren können, argumentiert der Hedge-Fonds-Veteran. Tatsächlich wurden die Leitzinsen binnen kurzem von 10,5 auf 5,5% gesenkt, Exporteure profitierten von der schwächeren Währung. Hingegen stagniert der britische Leitzinssatz derzeit bei 0,5%, das Aussenhandelsdefizit liegt auf Rekordhöhe, Exporteure hätten mit grösserer Unsicherheit zu kämpfen. «Ein Austrittsvotum könnte einen schwarzen Freitag an der Börse und schwere Konsequenzen für normale Bürger zur Folge haben», schrieb Soros im «Guardian».

Viele Ökonomen sprechen zudem von langfristigen Folgen. Frühere Manager grosser Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury's und Waitrose wandten sich mit einer Studie der Einzelhandelsgewerkschaft Usdaw an die Öffentlichkeit. Demzufolge müssten britische Familien wegen der Währungsschwäche sowie neuer Einfuhrzölle mit zusätzlichen Lebenshaltungskosten von umgerechnet 817 Fr. jährlich rechnen. Eine Studie des Finanzministeriums erwartet für den Brexit-Fall eine mindestens einjährige Rezession. Statt des bisher prognostizierten stetigen Wachstums werde das Bruttoinlandprodukt binnen zweier Jahre um 3,6% sinken. «Diese hausgemachte Wirtschaftskrise sollten wir vermeiden», findet Premier David Cameron.

Wirtschaft schrumpft

Selbst seriöse Wirtschaftsforscher, die den Austritt befürworten, sagen eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung voraus. Andrew Lilico von der Brexit-Lobbygruppe «Ökonomen für Britannien» spricht von 2 bis 3% und hält die Prognose des Finanzministeriums für hoch, aber nicht albern.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.