Es drohen magere Lohnrunden

Viele Unternehmen halten sich gegenwärtig mit Lohnerhöhungen zurück. Ökonom Michael Siegenthaler, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der KOF, befürchtet, schwache Lohnabschlüsse könnten zur Regel werden.

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Das Schweizer Lohnpflänzchen gedeiht momentan kaum. Und das könnte so weitergehen. (Bild: www.syngenta.com)

Das Schweizer Lohnpflänzchen gedeiht momentan kaum. Und das könnte so weitergehen. (Bild: www.syngenta.com)

Herr Siegenthaler, 2013 steigen die Löhne im Schnitt um 0,8 Prozent. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der aktuellen Lohnrunde?

Michael Siegenthaler: Das Besondere in diesem Jahr ist die negative Teuerung. Die Lebenshaltungskosten sind effektiv gesunken. Das Bundesamt für Statistik prognostiziert eine Minusteuerung von 0,7 Prozent, wir von der KOF rechnen mit einem kleineren Minus. Die Unternehmen hatten nicht mit einer Deflation in diesem Umfang gerechnet. Die Löhne sind dadurch real stärker gewachsen als erwartet. Angesichts dieser guten Reallohnzuwächse im laufenden Jahr zögern die Unternehmen mit Nominallohnerhöhungen – auch weil sie weiter mit sehr tiefer oder negativer Inflation rechnen. Zudem ist das Wachstum der Arbeitsproduktivität auf gesamtwirtschaftlicher Ebene in den letzten Jahren tief gewesen. Das schränkt den Raum für Lohnerhöhungen ein.

In der Tendenz fallen die Lohnabschlüsse in den binnenorientierten Branchen aktuell oft besser aus als bei vielen exportorientierten Unternehmen. Warum?

Siegenthaler: Ein Grund dürfte sein, dass im Staatssektor und im Gesundheitswesen immer noch Fachkräfte gesucht werden und in gewissen Bereichen Nachholbedarf bei Lohnsteigerungen besteht. Der Personalmangel führt tendenziell zu steigenden Löhnen. In der Industrie hingegen hat die Aufwertung des Frankens auf einen Schlag die relativen Arbeitskosten gegenüber dem europäischen Ausland stark verteuert. In Firmen, deren Erträge im Ausland anfallen, sind unter solchen Voraussetzungen Lohnsteigerungen nur schwer durchzusetzen.

Basis für die Lohnabschlüsse ist in der Regel die Produktivitätsentwicklung in einer Volkswirtschaft. Gerade der starke Franken zwingt die Industriebetriebe zu markanten Produktivitätsfortschritten. Warum gibt es in der Industrie dennoch so viele Nullrunden?

Siegenthaler: Langfristig gesehen wachsen Arbeitsproduktivität und Löhne in der Tat ziemlich gleich. Gesamtwirtschaftlich wuchs die Produktivität in den letzten drei, vier Jahren deutlich geringer als die Reallöhne, die vergleichsweise gut wuchsen. Das dürfte sich in den kommenden Jahren in relativ schwachen Lohnabschlüssen äussern. Die Produktivität der Industrie hat hingegen stark zugenommen. Die Produktivitätsgewinne reichen aber nicht aus, um die im Vergleich zum Ausland gestiegenen Lohnstückkosten zu kompensieren. In Euro ausgedrückt nahmen die Lohnstückkosten in der Schweiz zwischen 2008 und 2010 um 17 Prozent zu. In Deutschland waren es 3 Prozent, in Frankreich 4 Prozent.

Wie erklärt sich die schwache Produktivitätsentwicklung?

Siegenthaler: Der Schweizer Binnensektor ist nach wie vor relativ stark vom internationalen Wettbewerb geschützt. Wegen dessen fehlenden Drucks konnte es hier zu keinen grösseren Produktivitätsfortschritten kommen. Gleichzeitig sind grade im Staatssektor viele neue Stellen aufgebaut worden, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen. Hier ist Produktivitätswachstum per se schwierig, und eine Verschiebung hin zum Staatssektor dämpft das Produktivitätswachstum.

Seit Anfang der 90er-Jahre fallen die Lohnabschlüsse in der Schweiz sehr moderat aus und orientieren sich stark an der wirtschaftlichen Entwicklung. Wie haben sich die Löhne seither im Vergleich zum europäischen Ausland entwickelt?

Siegenthaler: In den 50er-Jahren war der Anteil, den sich die Lohnempfänger am Bruttoinlandprodukt sichern konnten, noch relativ tief. Seit Anfang der 90er-Jahre gibt es eine relativ stabile Einkommensverteilung zwischen Lohnempfängern und Kapitaleignern. Der Anteil der Lohnempfänger liegt bei 60 Prozent. In Deutschland, Frankreich und den USA hingegen sinkt dieser Anteil seit mehreren Jahren stetig. Dort haben unter anderem der technologische Wandel und die Globalisierung bewirkt, dass grade schlechter Qualifizierte kaum mehr von Lohnerhöhungen profitierten und dadurch der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Bruttoinlandprodukt gesunken ist.

Interview: Hans-Peter Hoeren

Michael Siegenthaler Experte für Löhne bei der ETH-Konjunkturforschung KOF (Bild: Quelle)

Michael Siegenthaler Experte für Löhne bei der ETH-Konjunkturforschung KOF (Bild: Quelle)

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