Erneuter Erfolg für Peter Spuhler in England: Ostschweizer Bahnhersteller Stadler gewinnt Ausschreibung in Newcastle

Die Verkehrsbehörde Nexus will mit Stadler einen Vertrag über die Lieferung von 42 Metro-Zügen unterschreiben. Stadler soll auch die ganze Flotte bis zu 35 Jahre Instand halten und eigens dafür ein Servicezentrum bauen. Das Gesamtpaket ist fast 900 Millionen Franken wert. Noch aber können die unterlegenen Mitbewerber CAF und Hitachi Beschwerde einlegen gegen die Auftragsvergabe an Stadler.

Thomas Griesser Kym
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Animation der neuen Stadler-Züge für den Ballungsraum Newcastle am Bahnhof Tynemouth.

Animation der neuen Stadler-Züge für den Ballungsraum Newcastle am Bahnhof Tynemouth.

Bild: PD

Das Netzwerk der Tyne and Wear Metro ist hinter London Underground das zweitgrösste Metrosystem Grossbritanniens. Es deckt den Ballungsraum um die Industriemetropole Newcastle mit weiteren Grossstädten wie Sunderland oder Gateshead im Nordosten Englands ab. Pro Jahr werden 36 Millionen Fahrgäste befördert.

Nun haben Stadler und Patron Peter Spuhler das grosse Los gezogen. Nexus beabsichtigt, bei Stadler 42 Metro-Züge für jeweils 600 Passagiere zu bestellen. Darüber hinaus soll Stadler die Flotte während bis zu 35 Jahren unterhalten. Auf diesen Zeitraum ist die Lebensdauer der Züge ausgerichtet. Dafür ist geplant, dass Stadler am Ort der alten Halle ein neues Instandhaltungsdepot baut. Das Gesamtpaket hat einen Wert von 700 Millionen Pfund (890 Millionen Franken). Der Vertrag soll auch eine Option für 4 weitere Züge enthalten.

Die BBC meldete ohne Quellenangabe, Stadler wolle die Metrozüge in seinem brandneuen Werk in St.Margrethen fertigen, wohin das Unternehmen den Grossteil der Produktion seiner veralteten Fabrik in Altenrhein verlegt. Stadler-Sprecherin Marina Winder wollte sich dazu vorerst nicht äussern.

Gefahr von Einsprachen

Noch hat Stadler den Auftrag aber nicht in den Büchern. Denn die unterlegenen Mitbewerber, die spanische CAF und die japanische Hitachi, haben die Möglichkeit, die Vergabe innert zehn Tagen anzufechten. Ob sie das tun, ist noch unklar. Erst wenn die Frist ungenutzt verstrichen ist oder allfällige Beschwerden von allen Instanzen abgewiesen worden sind, hat Stadler den Auftrag auf sicher.

Vor kurzem hatte es in britischen Medien geheissen, CAF sei in aussichtsreichster Position im Rennen um den Auftrag, und Hitachi sei schon früher gescheitert. Nexus reagierte mit der Feststellung, der Auswahlprozess sei noch immer im Gange, und es sei noch kein Entscheid gefallen. 

«Entsetzliche Entscheidung»

Der nun erfolgte Entscheid zur Auftragsvergabe in Stadler dürfte politisch noch zu reden geben. Denn Hitachi hat in Newton Aycliffe 50 Kilometer südlich von Newcastle eine Fabrik mit 700 Angestellten, die sich für die Herstellung der Metro-Züge eignen würde.

Der Bürgermeister von Tees Valley, Ben Houchon, hatte vergangenen Herbst nach den Berichten über Hitachis mutmassliches Scheitern von einer «perversen» und «entsetzlichen Entscheidung» gesprochen und einem «Versagen, ein lokales Geschäft und Jobs zu schützen».

Stadler kooperiert mit britischen Zulieferern

«Die neuen Nexus-Züge werden von einem ausländischen Unternehmen gebaut statt von einem einfach die Strasse runter», ereiferte sich Houchon:

«Wir müssen diesen Wahnsinn stoppen.»

Allerdings unterhält Stadler auch einen Standort in England, und zwar in Liverpool für den Unterhalt. Zudem ist Nexus als öffentlich-rechtliche Organisation den Ausschreibungs- und Beschaffungsregeln der Welthandelsorganisation WTO unterstellt und darf keinen Heimatschutz betreiben. Nexus-Chef Tobyn Hughes sagte am Dienstag:

«Wir haben die besten Züge zum besten Preis gesucht.»

Mit Stadler habe Nexus einen «exzellenten» Anbieter gefunden. Stadler werde beim Bau der Züge und des Depots mit mehr als 30 britischen Zulieferern zusammenarbeiten, davon die Hälfte im Nordosten Englands, was «Hunderte qualifizierte Job schafft und sichert», sagte Hughes.

Chinesen sind aussen vor geblieben

Die Tyne and Wear Metro unterhält ein 77,5 Kilometer langes Netz mit zwei Linien und 60 Stationen, davon 9 unterirdisch. Das System ist eine Kombination aus U-Bahn, Stadtbahn und S-Bahn. Mit den neuen Stadler-Zügen will Nexus zwischen 2022 und 2024 die alte Flotte aus dem Jahr 1980, als die Metro ihren Betrieb aufnahm, sukzessive ersetzen.

Nexus hatte Stadler, CAF und Hitachi vergangenen Sommer eingeladen, Angebote einzureichen. Zuvor hatte Nexus zwei weitere Interessenten aus dem Bieterprozess eliminiert, die kanadische Bombardier und ein Konsortium um den chinesischen Staatskoloss CRRC.

Stadler ist auf der Insel flott unterwegs

Der britische Bahnmarkt gilt für die Schienfahrzeugindustrie als attraktiv. Grossbritannien ist ein bedeutendes Bahnland, und viele Flotten sind veraltet und haben oft auch ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Im Bestreben, neue geografische Märkte zu erobern, hat Peter Spuhler Grossbritannien vor ein paar Jahren als ein zukunftsträchtiges Zielland auserkoren.

Seither hat Stadler auf der Insel schon mehrere Erfolge gefeiert. So hat das Unternehmen beispielsweise Grossaufträge aus Liverpool, Wales, dem Grossraum London, für Lokomotiven oder für führerlose Züge für die Glasgow Subway erhalten. In einer Ausschreibung der Londoner Docklands Light Railway dagegen ist Stadler vergangenes Jahr mit seinem Angebot gescheitert. Den Zuschlag erhielt die spanische CAF.

Stadler kämpft um Milliardenauftrag in Spanien

Um einen gut dreimal so grossen Auftrag wie jenen aus Newcastle bewirbt sich Stadler in Spanien. Dort will die staatliche Bahngesellschaft Renfe 211 Züge für den Vorortverkehr der Metropolen Madrid und Barcelona beschaffen. Inklusive Instandhaltung des Rollmaterials während 15 Jahren geht es um einen Auftragswert von 2,7 Milliarden Euro (2,9 Milliarden Franken). Vorgesehen ist auch eine Option für 120 weitere Züge.

Um den Auftrag bewerben sich laut der spanischen Wirtschaftszeitung «Expansión» neben Stadler die beiden spanischen Hersteller CAF und Talgo sowie der französische Alstom-Konzern. Der Vergabeentscheid soll in den kommenden Wochen fallen. (T. G.)

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Thomas Griesser Kym