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Ermotti und die Nullkommanull: Warum Sparen moralisch überhöht wird

Die UBS gibt Sparkunden künftig null Zins – damit führt die Schweizer Grossbank beispielhaft vor, dass Sparen keine Tugend mehr ist.
Niklaus Vontobel
UBS-CEO Sergio Ermotti: Seine Bank senkt per 1. Juni dieses Jahres den Zins auf dem Sparkonto für Erwachsene auf 0,00 Prozent. Bild: Wei Leng Tay/Bloomberg (Singapur, 17. September 2018)

UBS-CEO Sergio Ermotti: Seine Bank senkt per 1. Juni dieses Jahres den Zins auf dem Sparkonto für Erwachsene auf 0,00 Prozent. Bild: Wei Leng Tay/Bloomberg (Singapur, 17. September 2018)

Die UBS informierte diese Woche, dass ihre Sparkunden keinen Zins mehr auf ihre Sparguthaben erhalten. Nullkommanull wird zum Jahresende jeweils auf dem Kontoausweis stehen. Rechnet man die Teuerung hinzu, schwinden bei der Grossbank die Spargelder dahin. Sie verlieren Jahr für Jahr an Wert. Diese Nullkommanull wurde weitherum empört als Tabubruch wahrgenommen. Doch diese Zahl veranschaulicht nur, dass die Schweiz ökonomisch verdrehte Zeiten durchlebt. Die Nullkommanull der UBS steht für eine simple Botschaft: «Lieber Sparer, du magst denken, Sparen sei auch heute noch eine Tugend. Und du hättest Anspruch, dafür einen Zins zu erhalten. Das war einmal. Wir sind nicht länger bereit, diese Illusion aufrechtzuerhalten. Heute leben wir mit einer Schwemme an billigem Geld. Schau bitte selber, wie du dein Geld vermehrst. Wir haben zu viel davon, um es sinnvoll investieren zu können

Zugegeben, eine Schwemme von billigem Geld war nicht allein verantwortlich für die Nullkommanull. Die UBS zieht es ohnehin zu vermögenden Kunden hin. Kleinsparern verlangt sie mehr ab als manch andere Bank. Doch auch die Konkurrenz bewegt sich zur Nullkommanull. Denn selbst Staatsanleihen werfen nur negative Zinsen ab. Die Investoren betteln geradezu, dass der Bund ihnen ihr Geld abnimmt. Selbst negative Zinsen auf Spargeldern sind heute nicht mehr ausgeschlossen.

Sparen wird moralisch überhöht

Von der Öffentlichkeit wurde die Nullkommanull als Affront wahrgenommen: Da kassiert Ermotti zuletzt 14 Millionen Franken, die Sparer bekommen nichts! Und kurz zuvor hatte die UBS klammheimlich eine Gebühr von 2 Franken für das Abheben von Geld am Schalter eingeführt. Zudem rührt die Empörung aus einer Erwartung her, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat: Sparen wurde mit Zins belohnt. Wohin das Ersparte floss, wer da was damit anstellte – das war belanglos. Das Geld hatte verzinst zu werden oder zumindest zurückbezahlt.

Sparen wird sogar moralisch überhöht als Tugend. Schuldenmachen wird herabgesetzt. Das ist im Deutschen sprachlich verankert. Ob es sich um Geld oder Moral dreht, in beiden Fällen wird das Wort «Schuld» verwendet. Im Englischen wird dagegen «Debt» von «Guilt» unterschieden. Diese moralische Deutung war schon immer abstrus. Sparen und Schuldenmachen gehören zusammen. Kein Müller kann tugendhaft sparen, ohne dass ein Meier sich verschuldet. Nur wenn ein Meier mit dem Gesparten arbeitet, es investiert in Ideen oder Maschinen, kann sich das Geld vermehren. Nur dann kann darauf ein Zins bezahlt werden. Empörung über die Nullkommanull ist verfehlt.

Wohin mit dem vielen Geld

Ermotti muss schauen, wie viel Geld er vernünftig anlegen kann. Je nachdem gibt er Sparern mehr oder weniger Zins. Natürlich könnte er mehr versprechen, mit dem Geld ehrgeizige Ziele verfolgen und so die höheren Zinsen zahlen. Ein paar Jahre lang ginge das wohl gut. Das letzte Mal endete es bekanntlich mit einer Staatsrettung. Die damalige UBS-Führung hatte in den USA überaus ehrgeizige Pläne verfolgt.

Wohin also mit dem vielen Geld? Diese Frage könnte die Schweiz noch lange beschäftigen, wie das Beispiel Japan zeigt (siehe Grafik). Die Banken haben das Geld bislang vor allem in Hypotheken fliessen lassen. Viele private Haushalte haben die Zeichen erkannt. Aus Sparern wurden Hypothekarschuldner. Das gesamte Volumen hat sich in 15 Jahren verdoppelt. Mittlerweile sind es 1000 Milliarden Franken. Gemessen an der Wirtschaftsleistung ist die Schweiz weltweit das Land mit der höchsten Verschuldung der privaten Haushalte.

Dennoch ist Geld noch immer spottbillig. Also bleibt es bei der Frage: Wohin damit? Doch niemand will so recht darauf antworten. Nur, wo es schon zu viel Geld hat, das sagen jeweils Finanzmarktaufsicht Finma und die Nationalbank (SNB). Vor ein paar Jahren ging zu viel Geld in privates Wohneigentum. Die Banken wurden gezwungen, die Hypothekenvergabe strenger zu regeln. Aktuell fliessen nach Ansicht der Behörden zu viele Mittel in Renditeliegenschaften. Investoren erhalten zu leicht Hypotheken, mit denen sie Mietwohnungen bauen. Wiederum werden die Banken zu einer strengeren Selbstregulierung gezwungen.

Staat soll mehr Geld aufnehmen und investieren

Die Geldschwemme wird sich nun in eine andere Ecke der Wirtschaft verlagern. SNB und Finma ziehen sich zurück. Die Banken werden sich selber überlassen. Fragt man deren Vertreter, zucken sie mit den Schultern. Vielleicht werde mehr Geld in die Aktienmärkte geleitet. Mit riskanteren Investitionen werde nach höheren Renditen gejagt. Bis die Behörden erneut eingreifen müssen. Viele Banker geben die Schuld der Nationalbank und ihrem Präsidenten Thomas Jordan. Mit den tiefen Zinsen zwinge er die Banken geradezu zu gewagten Wetten. Jordan kontert: Erhöhe die SNB die Zinsen, flösse sofort Geld aus der Eurozone zu. Der Franken werte sich auf und die Wirtschaft nehme Schaden. Die Frage bleibt unbeantwortet: Wohin mit dem billigen Geld?

Ein gewichtiger Akteur hat sich kürzlich getraut, eine Antwort zu geben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) empfiehlt, der Staat solle mehr Geld aufnehmen und es investieren. Da die Zinsen derart tief seien, brächten weitere Schuldensenkungen kaum mehr etwas. Hingegen könne man investieren, um die Schweiz auf den technologischen Wandel und die demografische Alterung vorzubereiten. Sparen, sagt der IWF damit, ist in der heutigen Schweiz keine Tugend mehr.

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