Erleichterung, keine Entwarnung

Die Auswirkungen der Frankenstärke auf die Thurgauer Wirtschaft dürften geringer sein als befürchtet. So lautet das Fazit eines Wirtschaftspodiums der IHK Thurgau und der Arbeitgeber Mittelthurgau in Weinfelden.

Christof Lampart
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Unternehmer unter sich (von rechts): Peter Spuhler, Christian Neuweiler und Ruedi Heim sowie Gesprächsleiter David Angst. (Bild: Reto Martin)

Unternehmer unter sich (von rechts): Peter Spuhler, Christian Neuweiler und Ruedi Heim sowie Gesprächsleiter David Angst. (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. 225 Interessierte haben sich am Herbstanlass eingefunden, den am Montagabend gemeinsam die IHK Industrie- und Handelskammer Thurgau und Arbeitgeber Mittelthurgau im Weinfelder «Thurgauerhof» organisiert hatten und der unter dem Titel «Herausforderung Frankenstärke» stand. Auf dem Podium standen mit Peter Spuhler, Chef der Stadler Rail Group, Ruedi Heim, Chef der Aadorfer Kifa, und IHK-Präsident Christian Neuweiler, Chef der Kreuzlinger Neuweiler AG, drei Thurgauer Unternehmer dem Redaktionsleiter der Thurgauer Zeitung, David Angst, Red und Antwort.

Spuhler: «Volle Auftragsbücher»

Das Positive zuerst: Alle drei Firmenchefs schauen, was ihr eigenes Geschäft betrifft, zuversichtlicher als auch schon in die Zukunft. Das mag zum einen an der nun langsam wieder einsetzenden Abschwächung des Frankens liegen, zum anderen aber auch daran, dass man frühzeitig die Weichen gestellt habe. So sagte Spuhler, dass die Auftragsbücher der Stadler Rail Group «für die nächsten zwei Jahre voll sind», und Heim betonte, dass man mit der neuen Kistenfabrikationsstrasse auch im internationalen Vergleich «für die Zukunft gut aufgestellt» sei. Neuweiler wiederum zeigte sich für seine Firma, die als Schweisskonstrukteur und Anlagenbauer tätig ist, zuversichtlich, das momentane Beschäftigungsniveau von 70 Angestellten und zehn Lernenden halten zu können.

KOF wird nach oben revidieren

Der Chef der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), Jan-Egbert Sturm, beurteilt die Lage ähnlich. Zwar habe die Aufhebung des Euromindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) Mitte Januar die Ostschweiz mit ihrem starken Industriesektor härter als andere Regionen getroffen, aber «die Auswirkungen waren nicht so stark wie befürchtet». Auch wenn die KOF erst Anfang Oktober ihre neuste Konjunkturprognose veröffentlichen werde, so sei es «nicht gewagt, zu verraten, dass sie positiver ausfallen wird, als es noch im Juni der Fall war», sagte Sturm verhalten optimistisch. Im Juni rechnete die KOF mit einem Wachstum der Schweizer Wirtschaft von 0,4% für 2015 und von 1,3% für 2016. Trotzdem werde es auch in der nahen Zukunft wohl der Fall sein, dass «sich die Schweizer Wirtschaft eher an den Wechselkurs anpassen muss als umgekehrt», prognostizierte Sturm.

Christian Neuweiler pflichtet Sturm bei, zumal dessen Ausführungen grundsätzlich mit seiner Einschätzung des Werkplatzes Thurgau übereinstimme. «Bis jetzt ist es uns gut gelungen, durch die Situation zu kommen», sagte Neuweiler. «Aber wir müssen effizienter werden und noch innovativer. Dann werden wir aus dieser Rosskur erfolgreich hervorgehen.» Für Kifa-Chef Ruedi Heim hat der SNB-Entscheid vom 15. Januar jedoch noch eine negative Komponente, die sich nicht so leicht korrigieren lasse: «Viele Schweizer Unternehmer haben kein Vertrauen mehr in die Nationalbankpolitik, weshalb viele Investitionsentscheide heute hinausgeschoben werden», sagte Heim.

«Auf dem falschen Fuss»

Auch Peter Spuhler sieht die Krise noch nicht als ausgestanden an. «Die SNB hätte im Sommer 2014, als der Euro bei 1.23 Franken war, doch ein erstes Zeichen setzen und auf 1.10 runtergehen können. Nun haben wir im Oktober 2014 unsere Budgets auf der Basis von 1.20 gemacht und wurden dann im Januar mit der Parität auf dem falschen Fuss erwischt.» Deshalb schlage die Stunde der Wahrheit für die Firmen erst Ende Jahr respektive Anfang 2016. «Denn dann müssen wir unsere grossen Liquiditätsbestände in der Bilanz von 1.20 auf 1.10 oder gar auf 1.05 Franken runterkorrigieren», sagte Spuhler. Für ihn sei klar: «Wir dürfen uns jetzt nicht in einer zu sicheren Situation wähnen, denn momentan schieben wir die Problemfelder von uns her.»

Chinesen statt Deutsche

Auch andere Branchen wie etwa der Tourismus leiden unter der Frankenstärke. «Klar kann man einen Touristen durch einen andern ersetzen. Aber wenn der Chinese heute für eine Nacht 30 Franken zahlt, wo der wegen der Frankenstärke ausbleibende Deutsche einst 300 Franken bezahlte, bleibt trotzdem ein Minus von 270 Franken», sagte Spuhler.