Erdgas für Jahrzehnte

Der italienische Energiekonzern ENI hat vor dem Nildelta das bisher grösste Gasfeld des Mittelmeers entdeckt. Das macht Ägypten und Italien unabhängiger von russischen Importen.

Dominik Straub
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Der italienische ENI-Konzern, hier das Hauptquartier, ist auch in der Schweiz präsent, mit 285 Agip-Tankstellen. (Bild: LNG World News)

Der italienische ENI-Konzern, hier das Hauptquartier, ist auch in der Schweiz präsent, mit 285 Agip-Tankstellen. (Bild: LNG World News)

ROM. Das neu entdeckte Gasfeld misst etwa 100 km² und liegt 2680 Meter unter dem Meeresboden in einem Gebiet, wo das Wasser 1500 Meter tief ist. Mit einem Potenzial von geschätzten 850 Mrd. m³ sei es das grösste Gasfeld des Mittelmeers, teilte ENI mit. Unter dem neuen Feld namens Zohr schlummern laut ENI-Chef Claudio Descalzi eventuell noch weit grössere Mengen an Gas. Zohr könnte sich damit als eines der weltgrössten Vorkommen erweisen – «und dazu beitragen, den Energiebedarf Ägyptens auf Jahrzehnte hinaus zu decken», wie ENI schreibt.

Ein glückliches Händchen

Für den Konzern ist die Entdeckung ein Glücksfall: ENI hatte die Förderrechte in dem Gebiet, das in ägyptischen Hoheitsgewässern liegt, erst im Januar 2014 in einer internationalen Auktion erworben; vergangenen Juni wurde zudem mit der Kairoer Regierung ein milliardenschweres Förderprogramm vereinbart. ENI wird laut diesem Vertrag einen grossen Teil der Produktion an Ägypten liefern. Descalzi äusserte die Ansicht, in zwei Jahren mit der Produktion beginnen zu können.

Verflüssigen und verschiffen

Die Entdeckung des Gasfeldes dürfte auch geopolitische Auswirkungen haben. Vor allem könnte es in Ägypten, mit 90 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste arabische Land, stabilisierend wirken. Das rasante Bevölkerungswachstum hat zu einem beträchtlichen Energiehunger geführt; in den letzten Jahren fiel wegen Engpässen in der Gasversorgung immer wieder der Strom aus, was mitunter politische Unruhen auslöst. Dank des neuen Gasfelds wird das Land nicht nur seine Versorgungssicherheit erhöhen können, sondern auch unabhängiger von Russland werden. «In etwa fünf Jahren werden wir energiepolitisch autonom sein», zeigte sich Ägyptens Energieminister Hamdi Abdul Aziz gegenüber der italienischen Zeitung «La Stampa» überzeugt.

Auch Italien wird profitieren: ENI will das überschüssige Gas aus Zohr in seinen eigenen Anlagen in Ägypten verflüssigen und nach Italien verschiffen. Derzeit hängt auch Italien stark ab von russischen Importen, die 41% des Gasverbrauchs decken. Weitere 10% stammen aus dem politisch instabilen Libyen, wo ENI ebenfalls Öl- und Gasfelder betreibt. Von Libyen aus führt die Gaspipeline Greenstream nach Sizilien und von dort aufs italienische Festland. ENI musste wegen der Kämpfe in der früheren Kolonie die Produktion in den vergangenen Jahren zeitweise stark drosseln; ausserdem leidet das Unternehmen unter den niedrigen Öl- und Gaspreisen.

Präsent mit Agip-Tankstellen

Der ENI-Konzern, der mit seinen Agip-Tankstellen auch in der Schweiz präsent ist, war 1954 das erste westliche Unternehmen, das in Ägypten nach Öl und Gas suchte. Dass das neue Feld gerade unter der Leitung Descalzis aufgespürt wurde, ist kein Zufall: Der Geophysiker hatte vor seiner Ernennung zum Chef während mehrerer Jahre die Abteilung Exploration geleitet. Seit er vergangenes Jahr das Kommando bei ENI übernommen hat, fokussiert das Unternehmen wieder verstärkt auf die Erkundung neuer Öl- und Gasfelder. Dies darf ENI laut dem neuen Gasfördervertrag mit Ägypten nicht nur vor dessen Küsten tun, sondern auch auf dem Sinai, im Golf von Suez und in Teilen des Nildeltas.