Energie: Atempause oder Trendwende?

Die Preise für Rohöl haben sich im letzten halben Jahr beinahe halbiert und befinden sich nun auf einem Niveau, das zuletzt in der Finanzkrise vor sechs Jahren beobachtet wurde.

Tobias Hilpert Leiter Investment Services Thurgauer Kantonalbank
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Die Preise für Rohöl haben sich im letzten halben Jahr beinahe halbiert und befinden sich nun auf einem Niveau, das zuletzt in der Finanzkrise vor sechs Jahren beobachtet wurde. Ein wichtiger Katalysator für den Preiszerfall war der Ende November in Wien gefasste Beschluss der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), dem Preiszerfall nicht wie üblich mit einer Drosselung der Fördermengen entgegenzuwirken. Es wird in diesem Zusammenhang gemutmasst, dass damit die Gewinnmarge der neu entstandenen Ölförderanlagen in Nordamerika (Schieferöl) geschmälert werden soll, um einen unliebsamen Wettbewerber vom Markt zu verdrängen.

Hartnäckige Nachfragelücke

Statistisch lässt sich zeigen, dass die Ölnachfrage im Jahr 2014 voraussichtlich nur um 0,9% gestiegen ist, wohingegen das Ölangebot allein der Nicht-Opec-Staaten mit einem Wachstum von 1,5% stärker als erwartet ausgeweitet wurde. Für das laufende Jahr 2015 dürfte diese Nachfragelücke laut Opec bestehen bleiben und den Ölpreis weiter belasten.

Markt erwartet höhere Preise

Dennoch hat in den letzten Tagen eine heftige Gegenbewegung eingesetzt, die auf eine Stabilisierung hindeuten könnte. Auslöser dafür waren veröffentlichte Statistiken, wonach die Zahl der Projekte zur Schieferölförderung bereits deutlich heruntergefahren wird. Unterstützung findet der Ölpreis auch durch die Ölterminkurven der Futures-Märkte. Daraus ist abzulesen, dass die Marktteilnehmer über die nächsten Monate wieder einen Preisanstieg erwarten.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass auch jüngste Meldungen über schrumpfende Wirtschaften in China und in Russland keinen weiteren Abgabedruck mehr erzeugt haben. Viel Negatives ist in den aktuellen Preisen bereits eingepreist. Wie rasch jedoch das Überangebot am Erdölmarkt tatsächlich abgebaut wird, bleibt fraglich.

Gewinner und Verlierer

Für Konsumenten und Unternehmer führen die niedrigeren Energiekosten zu einer finanziellen Entlastung, die freie Mittel für andere Ausgaben schafft. Profiteure sind in erster Linie Unternehmen aus dem Konsumsektor. Ein Grossteil der Einsparungen aus den tieferen Preisen für Benzin, Gas und Heizöl fliesst in der Regel direkt in den Konsum. Unternehmen wie Nestlé oder der Schweizer Reisedetailhändler Dufry mit einem hohen Umsatzanteil in der gut laufenden Konsumnation USA oder in Schwellenländern dürften davon besonders profitieren. Auch die Transport- und Chemiebranche, bei denen Energie einer der Hauptkostenbestandteile darstellt, gehören zu den Gewinnern.

Auf der Verliererseite hingegen sieht der Markt eher die Industrietitel wie Sulzer oder ABB. Einerseits bildet die Ölindustrie eine wichtige Nachfragegruppe, und andererseits sinkt die Nachfrage nach energieeffizienten Produktionslösungen.

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