Ello löst Jubel und Skepsis aus

NEW YORK. Alle wollen zu Ello, der Facebook-Alternative. Vor allem in den USA wird die neue Plattform zurzeit gehypt. Obwohl sich die Gründer gegen Profit-Orientiertheit wenden, gibt es bereits Kritik an der Finanzierung.

Philipp Bürkler
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40 000 Menschen pro Stunde tragen sich derzeit beim neuen Social-Media-Portal Ello ein. (Bild: Luca Linder/Montage: Marion Oberhänsli)

40 000 Menschen pro Stunde tragen sich derzeit beim neuen Social-Media-Portal Ello ein. (Bild: Luca Linder/Montage: Marion Oberhänsli)

Es ist wie in einer neuen Wohnung: Alles ist noch weiss, keine Bilder hängen an den Wänden und man kennt seine Nachbarn noch nicht. Genauso ist derzeit Ello, die jüngste Social-Media-Plattform aus den USA. Das Design ist schlicht, es gibt viel Weissraum und Leerfläche, die Bedienung ist etwas ungewohnt. «Ich wurde hier soeben geboren», schreibt ein Nutzer in seinem Profil, «ello orld», ein anderer. Bevölkert ist Ello zurzeit hauptsächlich von Journalisten, Designern und Technologie-Enthusiasten. Zugang hat nur, wer eine Einladung hat. Die sind begehrt. Rund 40 000 Menschen tragen sich zurzeit pro Stunde in die Warteliste ein. Warum wollen alle zu Ello?

Ello will anders sein

Wenn etwas neu ist, wollen es alle ausprobieren. Wer jetzt schon bei Ello ist, beansprucht Exklusivität. Der eigentliche Grund dürfte aber das Versprechen der Macher sein: Ello ist werbefrei und die Nutzerdaten sollen nicht an Werbefirmen verkauft werden. «Du bist kein Produkt», schreiben die Ello-Macher auf der Website in ihrem «Manifest». Ello will anders sein. Im Gegensatz zu Facebook ist das Teilen von pornographischen Inhalten erlaubt und Nutzer können Profile mit Phantasienamen erstellen. US-Medien schrieben bereits vom Anti-Facebook.

Keine Werbung, kein Verkauf von Nutzerdaten an Dritte: Wie will Ello Geld verdienen? «Wir wollen in Zukunft zusätzliche kostenpflichtige Angebote starten», sagt Paul Budnitz. Der Velohändler und Designer aus dem Bundesstaat Vermont ist einer der Erfinder. «Ähnlich wie im App-Store, werden wir für ein paar Dollar zusätzliche Angebote verkaufen.» Konkreter wird er nicht. Skeptisch gegenüber kostenpflichtigen Angeboten ist James McQuivey, Analyst beim Technologieunternehmen Forrester. Die Menschen hätten sich längst an die Gratis-Nutzung von sozialen Medien gewöhnt. «Egal ob WhatsApp, Twitter, Instagram oder Pinterest, diese Plattformen funktionieren nur, weil sie kostenlos sind.»

Facebook dürfte in den kommenden Monaten seinen 1,5milliardsten Nutzer feiern. Angesichts dieser immensen Zahl grenzt sich Ello-Erfinder Budnitz deutlich ab. «Wir wollen keine Konkurrenz zu Facebook sein.» Facebook sei eine Werbeplattform, Ello dagegen ein Netzwerk. Budnitz startete Ello im März, um sich mit etwa 100 Freunden, Künstlern und Designkollegen auszutauschen. Der Ansturm sei jedoch immer grösser geworden, weshalb man sich im August entschieden habe, Ello per Einladung halböffentlich zu machen. Zu Hunderttausenden strömen die Nutzer zu Ello, gerade weil es eine weniger marktorientierte aber menschlichere Facebook-Variante sein soll.

Risikokapital als Risiko

Doch: Nicht so ganz ins Bild passt die Tatsache, dass Ello im Januar ein Risikokapital von fast einer halben Million Dollar von FreshTracks Capital erhielt. Der Deal wurde zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht explizit publik gemacht. «Das interessiert ja niemanden», sagt Todd Berger, ein weiterer Ello-Gründer. So wie es aussieht, interessiert es die Nutzer aber sehr wohl. Autor und Designer Aral Balkan sieht genau darin das Hauptproblem. «Wer Risikokapital nimmt, läuft nicht Gefahr, seine Nutzer zu verkaufen, er hat sie bereits verkauft», so sein Kommentar. Kein Investor gebe Geld, um damit nicht einen Profit zu erwirtschaften. Mit der Annahme des Geldes könnte Ello seine Glaubwürdigkeit als ehrliches und nicht in erster Linie profitorientiertes Netzwerk tatsächlich verspielt haben, sind sich einige Beobachter einig.

Bei den etablierten Plattformen wie Facebook oder Twitter ist die Richtung klar: Je mehr man über seine Nutzer weiss, desto besser kann man sie an Werbekunden verkaufen. In dieser Woche hat Facebook die Plattform «Atlas» gestartet, über die Nutzerdaten an Werbefirmen verkauft werden. Damit können die Firmen noch gezielter und individualisierter auf ihre Kunden reagieren. Suchergebnisse bei Google dürften dereinst mit Facebook-Kommentaren und Posts verknüpft werden, um individuelle Werbung zu schalten. Generell wird die Werbeindustrie verstärkt auf Mobilität fokussieren. 2014 ist das Jahr, in dem mobile Geräte den Desktop-Computer als Zugangsgerät zum Internet überholen werden.

Eine echte Alternative?

Tragbare Technologien wie Google Glass werden die Art und Weise wie wir kommunizieren und die Umwelt wahrnehmen nochmals stark verändern. Social-Media-Umgebungen seien in Zukunft weniger textlastig, dafür mehr von interaktiven Elementen und Videos geprägt, ist sich der amerikanische Social-Media- und Werbe-Experte Chris Marentis sicher. «Mit der Verbindung von personalisierten Kundendaten und Social Media kann man unglaubliche Marketing-Interaktionen in Echtzeit kreieren.» Damit wir als Nutzer nicht völlig zu Marketinginstrumenten verkommen, wäre eine Alternative wie Ello wünschenswert. Man kann nur hoffen, dass die Macher ihren Slogan ernst nehmen: «Du bist kein Produkt.»