Elektro-Schiffe boomen – auch dank Schweizer Technologie

Im Schatten der gehypten E-Autos verändern Batterien den Schiffsverkehr zusehends. Während Schweizer Unternehmen wie der Batteriehersteller Leclanché im Elektroauto-Markt kaum bestehen können, spielen sie bei den Schiffen eine Schlüsselrolle.

Fabian Hock
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«Ellen»: Die grösste Elektro-Fähre der Welt mit Schweizer Batterie. Bild: zvg

«Ellen»: Die grösste Elektro-Fähre der Welt mit Schweizer Batterie. Bild: zvg

Seit diesem Sommer kurvt «Ellen» durch die Dänische Ostsee. 200 Menschen haben auf ihr Platz, daneben 30 Autos und 5 Lastwagen. Eines fehlt jedoch an Bord: der Dieselmotor. «Ellen» ist die grösste vollelektrische Autofähre der Welt. Ihr Herzstück kommt aus der Schweiz: Eine 40 Tonnen schwere Batterie des Herstellers Leclanché.

Derzeit sind drei Boote mit Batterien aus westschweizer Produktion in europäischen Gewässern unterwegs, sagt Firmenchef Anil Srivastava in seinem Büro in Yverdon-les-Bains. Der Blick aus dem Fenster fällt auf Waadtländer Felder statt auf Hafenmauern. Für den gebürtigen Inder ist trotzdem klar: E-Schiffe sollen einen fundamentalen Beitrag leisten bei seinem Vorhaben, den ältesten Batteriehersteller der Welt profitabel zu machen.

Srivastava kam 2015 zu Leclanché. Damals entschied er, dass die Firma auf einen Einstieg ins prestigeträchtige Auto-Geschäft verzichtet. Dort gehe es weniger um Spitzentechnologie, wie sie Leclanché anbietet, sondern vor allem um den Preis, sagt er. Da könne kein Schweizer Anbieter gegen die Konkurrenz aus Asien bestehen. Ein Einstieg ins Autogeschäft sei «absolut kein Thema», in dem Markt sei Leclanché nicht konkurrenzfähig.

Bei Bahnen, Bussen und Schiffen sehe das anders aus. Seine Batterien, verspricht er, würden doppelt so lang halten wie die Konkurrenz aus Asien. Und gerade im Schiffsverkehr gehe es in erster Linie um die Technologie, dann erst um den Preis, sagt Srivastava. Heute liegen Bestellungen für 25 Elektro-Schiffe vor, bestätigt er. Für Leclanché ist es der «am schnellsten wachsende und profitabelste Geschäftsbereich».

Kreuzfahrten mit Elektro-Antrieb

Während «Ellen» noch ein EU-gefördertes Projekt war, habe Leclanché mehrere millionenschwere kommerzielle Aufträge in der Pipeline: «Wir liefern Batterien für zehn Luxusliner der italienischen Reederei Grimaldi.» Für den Düngemittelhersteller Yara liefert Leclanché eine Batterie nach Norwegen, die in der «Yara Birkeland» verbaut wird. Dieses Schiff kommt nicht nur ohne Dieselmotor, sondern sogar ohne Kapitän aus: Die «Yara Birkeland» ist das weltweit erste, autonome Elektro-Frachtschiff der Welt. Derzeit befindet es sich in der Testphase.

E-Schiffe tun nicht nur der eigenen, zuletzt arg gebeutelten Firmenbilanz gut, sondern auch dem Klima, meint Srivastava: «Die Elektrifizierung von Seeschiffen hätte die gleiche Wirkung auf die Treibhausgasemissionen in Europa wie die Umstellung eines Viertels aller Autos auf Elektrofahrzeuge.»

Der Bootsverkehr schippert in Sachen Klimawandel in der Tat unter dem Radar. Der schwedische Begriff «Flygskam», der die Scham vor dem Fliegen in Zeiten der «Klimakrise» meint, ist selbst hierzulande zum geflügelten Wort geworden. Von «Botskam» spricht dagegen nicht einmal Greta Thunberg.

Das verwundert, denn laut einer Erhebung der Europäischen Umweltagentur liefern sich Schiffe und Flugzeuge beim Schadstoff-Ausstoss in Europa ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zuletzt lagen die Boote sogar leicht vorn: Für 13,6 Prozent der Emissionen des Verkehrssektors waren sie 2016 verantwortlich. Die zivile Luftfahrt kam auf 13,4 Prozent. Auch im globalen Massstab tun sich Schiffs- und Luftverkehr nicht viel: Beide tragen je rund 2,5 Prozent zum Schadstoffausstoss bei.

Bis 2050 emissionsfrei?

Bei den Schiffen gilt: Tendenz steigend. Würde man bei den Antrieben nicht gegensteuern, stiege der Ausstoss bis 2050 um bis zu 250 Prozent. Das hat die Internationale Schifffahrts-Organisation (IMO) ausgerechnet. Den Zielen des Pariser Klimaabkommens würde das zuwider laufen. Unter Anleitung der IMO soll es nun zu einem Umdenken kommen. Bis 2050 sollen die Emissionen auf 50 Prozent des Jahres 2008 gesenkt und danach so bald wie möglich auf null gebracht werden.

Daran arbeitet auch der Technologiekonzern ABB. «Elektro- und Hybridschiffe gelten weltweit als eine der Schlüssellösungen zur Reduzierung der Emissionen im Seeverkehr», heisst es bei ABB auf Anfrage. Die beiden Passagierfähren, die Touristen in die Gischt der Niagara-Fälle in Nordamerika bringen, sind mit ABB-Technik bestückt – der Konzern lieferte Generatoren, Schalttafeln und Kontrollinstrumente für die vollelektrischen Boote. Es sind die allerersten E-Schiffe, die in den USA gebaut wurden. Weitere Elektro-Kähne mit ABB-Technik sind vor den Küsten Islands und Dänemarks unterwegs.

Bis der gesamte Schiffsverkehr elektrifiziert ist, dürfte es allerdings noch dauern. Von den neu gebauten Schiffen werden zwar bereits in den kommenden Jahren 60 bis 80 Prozent rein elektrisch sein, meint Srivastava. Die Flotten sind jedoch gross und vor allem lange in Betrieb. Bei der Umrüstung von Diesel auf Elektro, die technisch möglich ist, werde es noch lange dauern. «Bis 2050 sehen wir eine Welt, in der sämtliche Schiffe elektrisch betrieben sind», so der Leclanché-Chef.

Den Weg in eine emissionsfreie Schifffahrt hat die ETH Zürich jüngst in einer Studie vorgezeichnet. Je nach Schiffstyp und Routenlänge seien Elektro-Antriebe, Brennstoffzellen und alternative Brennstoffe die vielversprechendsten Lösungen.

Srivastava setzt für die Zukunft gar auf eine Kombination aus Batterie und Brennstoffzelle. Vor der Küste Schottlands wird bald das erste so betriebene Schiff mit Schweizer Batterie unterwegs sein.