Tourismus
Einzelgänger statt Herdentier: Schweiz will Asiaten umpolen

Luzerner Kapellbrücke, Berner Münster und Zürcher Bahnhofstrasse: Die Asiaten steuern in wenigen Stunden wichtigste Highlights an. Damit soll nun Schluss sein: Schweiz Tourismus will den Einzelgänger, nicht mehr das Herdentier. Mit guten Gründen.

Thomas Schlittler
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Japanische Touristen in Bern: Asiaten sind nicht die attraktivsten Gäste – sie kommen oft in grossen Gruppen und bleiben meist nur kurz. Key

Japanische Touristen in Bern: Asiaten sind nicht die attraktivsten Gäste – sie kommen oft in grossen Gruppen und bleiben meist nur kurz. Key

Sie tauchen ohne Vorwarnung auf; überschwemmen den Platz innert kürzester Zeit; machen Fotos von allem, das irgendwie nach Sehenswürdigkeit aussieht – und dann verschwinden sie genauso plötzlich wieder, wie sie aufgetaucht sind. Wer in seinen Ferien Wert legt auf Gemütlichkeit und Selbstständigkeit, für den sind Massentouristen ein seltsamer Menschenschlag.

Doch ob seltsam oder nicht: Die Schweiz hat stark profitiert von den vollgestopften Reisebussen, die asiatische Gäste an die schönsten Orte des Landes karren. Vor allem die Chinesen haben geholfen, den durch die Frankenstärke verursachten Gästerückgang aus Europa etwas abzufedern. Fanden im Jahr 2009 noch 190'000 chinesische Touristen den Weg in die Schweiz, waren es 2013 bereits über 700'000 – die meisten davon kamen in grossen Reisegruppen, was Schweiz Tourismus ein Dorn im Auge ist. «Wir wollen Wachstum – aber nicht Wachstum um jeden Preis», sagte Direktor Jürg Schmid am Montag an der Jahresmedienkonferenz in Zürich.

Die Schweizer Tourismusverantwortlichen wollen den Massentourismus in Zukunft nicht mehr fördern – ausser wenn es um die Erschliessung neuer Märkte geht. Stattdessen soll durch die Fokussierung auf Individualreisende «qualitatives Wachstum» erreicht werden. Schmid: «Bei Individualtouristen können wir eine längere Aufenthaltsdauer entwickeln.» Und je länger die Gäste im Land bleiben, desto mehr konsumieren sie – und desto stärker profitieren Hoteliers, Restaurants sowie Freizeiteinrichtungen.

Mehr Konsum, bessere Verteilung

Dass die Reiseart die Aufenthaltsdauer beeinflusst, beweist auch ein Blick in die Statistik. Diese zeigt, dass asiatische Gäste, die oft in grossen Gruppen in die Schweiz kommen, weniger lang hier bleiben als Besucher aus anderen Regionen. Bei den Chinesen zählt das Bundesamt für Statistik im Schnitt 1,3 Übernachtungen, bei den Südkoreanern 1,4 und bei den Japanern 1,7. Die Deutschen (2,5), Briten (2,3) oder Amerikaner (2,2) bleiben länger.

Diese Unterschiede bei der Aufenthaltsdauer sind nicht zu unterschätzen. Sie haben beispielsweise zur Folge, dass China bei der Anzahl Logiernächte nur die Nummer sechs ist – obwohl das Land bei der Anzahl Touristen auf Rang drei steht.

Von der Konzentration auf Individualreisende sollen nicht zuletzt auch Tourismusgebiete profitieren, die keine Kapellbrücke, kein Matterhorn und keinen Rheinfall haben. Schmid: «Eine längere Aufenthaltsdauer bedeutet auch, dass sich die Gästeströme breiter verteilen und nicht nur Hotspots besucht werden.» Zudem hätten Individualgäste auch weniger negative Auswirkungen, ist der Schweizer Tourismusdirektor überzeugt: «Wenn sich ein Bus voll Chinesen irgendwo entlädt, ist das für die anderen Gäste nicht immer nur ein schöner Moment.»

Hoffen auf die neue Generation

Schweiz Tourismus hat sich zum Ziel gesetzt, beim Aufbau des asiatischen Individualtourismus Pionierarbeit zu leisten. Ob China, Japan oder Korea: Wenn die Asiaten wollen, haben sie mittlerweile die Möglichkeit, die Schweiz auf eigene Faust zu entdecken. Das ist ein wachsendes Bedürfnis, ist Schmid überzeugt: «Es ist eine völlig falsche Vorstellung zu glauben, dass Chinesen es lieben, im vollgepferchten Bus mit anderen Chinesen durch das Land zu reisen.» Sie reisten so, weil nur Gruppentouristen vereinfachten Zugang zu Visa hätten.

Bei den älteren Generationen sei zudem die Sprache ein Problem – sie könnten noch kein Englisch und fühlten sich deshalb ohne Tourguide nicht besonders wohl. Jetzt komme aber die nächste Generation Chinesen, die besser Englisch spreche. «Diese wollen individuell reisen. Der Markt geht durch einen Reifeprozess und da wollen wir dabei sein», so Schmid.

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