Einkaufszentren unter Druck

ZÜRICH. Frankenstärke, Einkaufstourismus und Onlinehandel machen Schweizer Shoppingcentern zunehmend zu schaffen. Viele haben ausserdem Erneuerungsbedarf, und einige suchen ihr Glück mit mehr Gastronomie und Freizeitangeboten.

Thomas Griesser Kym
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Die Shopping Arena stimmt die Besucherinnen und Besucher mit der Dekoration bereits auf Weihnachten ein. (Bild: Michel Canonica)

Die Shopping Arena stimmt die Besucherinnen und Besucher mit der Dekoration bereits auf Weihnachten ein. (Bild: Michel Canonica)

«Experten prognostizieren düstere Zeiten für Shoppingcenter und Detailhandel.» Diese Botschaft transportiert die Beratungsfirma Stoffel Zürich in ihrem «3. Shoppingcenter-Marktreport 2016», der heute am Retail Forum Switzerland präsentiert wird. Kurzfristig rechnen die Ökonomen der BAK Basel damit, dass die Umsätze des Schweizer Detailhandels, die 2014 gesamthaft 97,6 Mrd. Fr. betragen hatten, dieses Jahr um 2,1% sinken. Das wäre der stärkste Rückgang seit 35 Jahren. Als wichtigste Triebkraft wird der Einkaufstourismus im grenznahen Ausland identifiziert, der seit der Aufhebung des Euromindestkurses Mitte Januar «nochmals einen neuen Schub erhalten hat». Die Universität St. Gallen schätzt den Kaufkraftabfluss über die Grenze auf 9 Mrd. Franken. Besonders beliebt bei Einkäufen im Ausland seien Lebensmittel und Drogerieartikel. Kommt dazu, dass der stationäre Detailhandel, dessen Verkäufe stagnieren oder nachgeben, vom expandierenden Online- und Versandhandel zusätzlich unter Druck gesetzt wird. Kleider, Schmuck und Elektronik sind jene Segmente, die im E- Commerce am kräftigsten wachsen. Dieser dürfte laut Schätzungen mittlerweile einen Anteil von 10% am Detailhandel haben.

«Neue Impulse und Ideen»

Die Einkaufszentren, von denen es in der Schweiz aktuell 189 mit jeweils mehr als 5000 m2 Verkaufsfläche gibt, decken laut der Studie einen Anteil von 17% des Schweizer Detailhandelsmarktes ab. Sie haben ihre Umsätze 2014 geringfügig erhöht, allerdings begleitet von einer überproportionalen Ausweitung der Verkaufsfläche. Das gleiche Muster zeigte sich bereits im Vorjahr. Damit haben die Einkaufszentren an Umsatz pro Quadratmeter eingebüsst. Kommt hinzu, dass die Einkaufszentren laut der Studie in den ersten beiden Quartalen und wohl auch im 3. Quartal dieses Jahres an Umsatz verloren haben. Für das ganze Jahr lautet die Prognose –3% bis –5%. Die Studie zieht daraus den Schluss: «Der stationäre Handel und die Shoppingcenter sind massiv unter (Umsatz-)Druck – sie müssen sich neu erfinden und brauchen deshalb neue Impulse und Ideen.»

Essen, trinken und verweilen

Stoffel Zürich hat für die Studie 250 Experten des Detailhandels und für Einkaufszentren generell befragt. Den grössten Handlungsbedarf sehen die Fachleute «in der Revitalisierung und der Sanierung der Center», die im Schnitt 28 Jahre alt sind. Die beiden grössten Einkaufszentren der Ostschweiz stehen diesbezüglich gut da: Die Shopping Arena in St. Gallen wurde erst im Frühling 2008 eröffnet, der 41 Jahre alte Rheinpark in St. Margrethen wurde während zweier Jahre bis 2009 umgebaut und modernisiert. Als zentrale Erfolgsfaktoren gelten Service und Dienstleistungen, gefolgt vom Standort (Stichwort: gute Erreichbarkeit mit öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln) und dem Sortiment. Als etwas weniger wichtig gelten die Preise und das Einkaufserlebnis. Mit letzterem hängt zusammen, dass jedoch vor allem die ganz grossen Einkaufszentren wie etwa das Lago in Konstanz darauf hinarbeiten, den Konsumenten «mehr zu bieten als nur Shoppen», wie es Centerleiter Peter Herrmann formuliert. Er zählt das integrierte Kino, das Fitnessstudio und die Gastronomie auf.

Gerade letztere wird auch laut Studienverfasser Marcel Stoffel immer wichtiger, weil sie erstens dazu beiträgt, dass die Kunden länger im Shoppingcenter verweilen, sich zwischendurch stärken und rasten können – und dann vielleicht mehr kaufen. Zweitens gehen die befragten Experten davon aus, dass die Nachfrage nach mehr Verkaufsfläche sinken wird. So bedürfe auch ein Teil der bestehenden Fläche einer neuen Nutzung. Und das können auch Restaurants, Cafés usw. sein.

Auch für die Freizeit

Jan Tanner, Präsident der IG Swiss Council of Shopping Center, sagt, der Anteil der Gastronomie an der Gesamtfläche der Einkaufszentren werde auf gegen 20% zunehmen. In gewissen Centern liege er erst bei 4%. Auch Tanner beobachtet, dass einzelne Einkaufszentren sich zu Orten entwickeln, «wo Menschen nicht nur einkaufen, sondern auch ihre Freizeit verbringen, unterhalten werden und etwas erleben möchten». Das gilt zum Beispiel im Shoppi Tivoli in Spreitenbach, mit 78 000 m2 das grösste Schweizer Einkaufszentrum (umsatzmässig ist das Glattzentrum die Nummer eins). Das Tivoli eröffnet in Kürze ein Fitness- und Wellnessangebot. Doch Centerleiter Patrick Stäuble sagt auch: «Das Shoppi Tivoli wird auch weiterhin in erster Linie für die Beschäftigung Shoppen stehen.» Deshalb konzentriere man sich auf eine Vielfalt bekannter Marken, abgerundet mit Gastronomie und Services wie Personal Shopping.