Einkauf an der Wall Street

Julius Bär übernimmt das internationale Geschäft der früheren US-Investmentbank Merrill Lynch. Damit gelingt ein Wachstumssprung, doch bis die Kosten ausgeglichen sind, wird es etwas dauern.

John Dyer
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Julius-Bär-Chef Boris Collardi kauft sich Grösse in der Vermögensverwaltung in Europa und in wachstumsträchtigen Schwellenländern. (Bild: ky/Walter Bieri)

Julius-Bär-Chef Boris Collardi kauft sich Grösse in der Vermögensverwaltung in Europa und in wachstumsträchtigen Schwellenländern. (Bild: ky/Walter Bieri)

BOSTON. Die Wall Street verliert eines ihrer ehemaligen Aushängeschilder. Die Zürcher Vermögensverwaltungsbank Julius Bär gab gestern die Übernahme des Auslandgeschäftes von Merrill Lynch bekannt, die zur Bank of America gehört. Der Kaufpreis liegt bei 880 Mio. $ (860 Mio. Fr.) – weit weniger als die 1,5 Mrd. $ bis 3 Mrd. $, über die Analysten spekuliert hatten, seit Bärs Interesse publik geworden war (Ausgabe vom 20. Juni).

«Ein grosser Schritt»

Julius Bär vergrössert mit dem Zukauf ihre verwalteten Vermögen um 40% auf nunmehr 250 Mrd. $ – entgegen dem Trend in der Branche. Die Bank verfolgt damit ihr Ziel, ihre internationale Präsenz zu erhöhen. «Diese Übernahme ist ein grosser Schritt für uns», sagte Konzernchef Boris Collardi: «Wir tragen damit unserem Ziel nach Wachstum Rechnung und festigen die führende Position von Julius Bär unter den weltweiten Privatbanken.»

Bewertungen im Tief

Julius Bär zahlt für die Übernahme 1,2% der übernommenen Vermögenswerte in Höhe von bis zu 73,6 Mrd. $. Die Bank will zur Finanzierung unter anderem Aktien im Wert von 740 Mio. Fr. ausgeben, wovon Papiere im Wert von 240 Mio. Fr. an die Bank of America fliessen.

Laut Julius Bär zieht die Fusion weitere Kosten in Höhe von 400 Mio. Fr. nach sich. Demnach soll es bis zu drei Jahre dauern, bis Julius Bär die Ausgaben wieder ausgeglichen hat. Roy Soudah von der Zürcher Beratungsfirma Millenium Associates hält die Übernahme für einen richtigen Schritt: «Hinsichtlich Bewertungen befindet sich der Markt auf einem Tiefpunkt. Daher ist es eindeutig der richtige Zeitpunkt, um in das Privatbankgeschäft zu investieren.»

Julius Bär kauft zu einem kritischen Zeitpunkt zu. Die Bank steht im Visier der US-Behörden, weil sie US-Bürgern bei der Steuerflucht geholfen haben soll. Wie auch andere Schweizer Banken sucht Bär zudem nach künftigen Geschäftsfeldern – für den Fall, dass das Schweizer Bankgeheimnis drastisch ausgehöhlt würde.

Stetige Akquisitionspolitik

Für Julius Bär ist die Übernahme die vorerst letzte in einer Reihe richtungweisender Entscheide. Erst vergangenen Monat wurde eine enge Zusammenarbeit mit der Bank of China verkündet. Vor drei Jahren wurde das Schweizer Private Banking der ING übernommen. Und mit Ehinger Armand von Ernst, der BDL Banco di Lugano und Ferrier Lullin & Cie wurden 2005 gleich drei Privatbanken akquiriert.

Berater sollen an Bord bleiben

Die Übernahme setzt 2000 Mitarbeitende von Merrill Lynch fortan auf die Lohnliste von Julius Bär, darunter 500 international tätige Finanzberater in Ländern wie Bahrain, Indien, Irland, Libanon, Luxemburg, Niederlande, Panama und Spanien. Julius Bär zeigt grosses Interesse, einen Grossteil der Berater zu behalten. Dazu soll man bereit sein, das US-Lohnsystem weiterhin anzuwenden: Die bisherigen Mitarbeiter von Merrill Lynch verdienen kein Festgehalt, behalten aber ein Drittel der Vermittlungsgebühren. In Europa hingegen ist eine Kombination aus Gehalt und Boni üblich.