Einfach erklärt
Wegen Corona steigt die Angst vor einer Inflation, doch was ist das eigentlich genau?

Corona befeuert die Inflation: Seit April zeigen die Vergleiche mit dem Vorjahresmonat für die Schweiz leicht steigende Preise. Im November war der Anstieg so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr. Doch was heisst das überhaupt? Und wie entsteht Inflation?

Ruben Schönenberger Aktualisiert
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Bild: Nodar Chernishev/Getty

Was ist Inflation überhaupt?

Inflation bedeutet Teuerung. Von einer Inflation spricht man entsprechend, wenn die Preise von Produkten oder Dienstleistungen steigen, ohne dass sich an diesen etwas verändert hat. Vereinfacht gesagt: Wenn Sie heute ein Kilo Brot für 2 Franken erhalten, morgen aber für ein Kilo vom gleichen Brot 2.50 Franken bezahlen müssen, und das bei vielen Produkten und Dienstleistungen gleichzeitig ebenfalls passiert, herrscht Inflation.

Noch einfacher: Das Geld verliert an Wert.

Ist Inflation also ein Problem?

Es kann eines sein. Stellen Sie sich vor, sie haben 10 Franken zur Verfügung und ein Kilo Brot kostet 2 Franken. Sie können sich fünf Kilo Brot leisten. Wenn der Preis auf 2.50 Franken steigt, reichen Ihre 10 Franken nur noch für vier Kilo.

Das heisst ja, dass ich mir mit meinem Lohn weniger leisten kann!

Ja, wenn die Löhne nicht auch steigen. Deshalb hört man oft vom sogenannten Reallohn. Dieser unterscheidet sich vom Nominallohn, der einfach das wiedergibt, was im Arbeitsvertrag steht. Wenn wir beim obigen Beispiel bleiben und Sie keine Lohnerhöhung erhalten, sinkt Ihr Reallohn (das, was Sie mit Ihrem Geld tatsächlich anfangen können), obwohl der Nominallohn (der Betrag, den Sie ausbezahlt erhalten) gleich bleibt.

Wenn Ihr Nominallohn aber im gleichen Umfang steigt wie die Produkte teurer werden, erhalten Sie zwar mehr Geld auf Ihr Konto ausbezahlt, Sie können damit aber nicht mehr anfangen. Ihr Reallohn bleibt dann gleich, obwohl ihr Nominallohn steigt.

Ganz ähnlich ist es übrigens mit den Zinsen, die Sie auf der Bank erhalten. Dazu aber später mehr.

So oder so: Ohne Inflation stünde ich besser da?!

Wenn man die Kaufkraft betrachtet – also wie viel Sie mit Ihrem Geld kaufen können –, stimmt das. Es gibt aber auch Bereiche, in denen eine Inflation für Sie vorteilhaft sein kann. Zum Beispiel, wenn Sie Schulden haben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten 10 Franken Schulden und Sie könnten diese in Form von Brot zurückzahlen. Weil in unserem Beispiel für 10 Franken nur noch vier statt fünf Kilogramm Brot nötig sind, müssen Sie dank der Inflation ein Kilogramm Brot weniger backen.

Wenn Sie nun zum Beispiel an eine Hypothek denken, die nicht bloss 10 Franken, sondern einige 100 000 Franken beträgt, stellen Sie schnell fest: Inflation kann für Sie auch vorteilhafte Effekte haben. Grundsätzlich gilt: Für Schuldner ist eine Inflation gut, für Gläubiger nicht.

Was man zudem mit Sicherheit sagen kann: Wenn die Preise nicht stabil sind, erschwert das die Entscheidungen von Banken, Firmen oder auch Konsumentinnen und Konsumenten. Egal, in welche Richtung sich die Preise verändern. Wenn ich nicht davon ausgehen kann, dass mein Geld seinen Wert behält, beeinflusst das meine Überlegungen, was ich mit dem Geld anstelle.

Wie entsteht diese Inflation denn überhaupt?

Es gibt unterschiedliche Theorien, die sich nicht gegenseitig ausschliessen. Eine sieht die Ursache für Inflation in der Geldmenge. Um diesen Ansatz zu verstehen, hilft es, sich die Schweiz als abgeschottetes Land vorzustellen. Alle Produkte werden hier produziert und gekauft. Das Geld dazu kommt von der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Wenn nun die SNB mehr Geld in Umlauf bringt – die Notenpresse anwirft, wie man oft hört –, stehen für die gleichen Produkte plötzlich mehr Franken zur Verfügung, die Preise der einzelnen Produkte steigen.

Die Geldmengentheorie hat jüngst einige Kratzer abbekommen. In den letzten Jahren gab es nämlich kaum Inflation, obwohl die Geldmenge gestiegen ist. Deshalb wird in der Theorie jüngst eher auf die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes geachtet als auf die reine Geldmenge. So unterschiedlich sind die Ansätze aber nicht. Denn: Die Umlaufgeschwindigkeit steigt, wenn derselbe Franken im Jahr mehrfach ausgegeben wird. Man kann 1 Franken, der zweimal ausgegeben wird, ähnlich betrachten wie 2 einzelne Franken, die je einmal ausgegeben werden. Wenn Sie beim Händler ein Auto kaufen, dieser mit dem Geld einen Swimmingpool baut und der Poolbauer mit dem Geld in die Ferien fährt, dann ist in der Wirtschaft gewissermassen mehr Geld im Umlauf, als wenn der Autohändler das Geld gleich auf seinem Konto parkiert.

Eine andere Theorie stellt die Nachfrage nach Gütern in den Mittelpunkt. Wenn diese steigt und die Produktion nicht mithält, steigen die Preise. Das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage: Wenn ein Produkt rarer wird, kann der Anbieter dafür mehr Geld verlangen. Quasi als Gegenstück dazu kann auch die Angebotsseite am Ursprung einer Inflation liegen. Wenn die Kosten der Produktion steigen, versuchen Unternehmen, das in gesteigerten Preisen an die Käuferinnen und Käufer weiterzugeben.

Nicht zuletzt können die Preise in einem Land auch steigen, weil sich der Wechselkurs verändert. Gerade in der Schweiz kann das passieren. Wenn der Franken im Vergleich zum Euro günstiger wird, werden Exporte günstiger, Importe aber teurer. Das heisst, ich erhalte in der Schweiz für 10 Franken nicht mehr gleich viel Olivenöl aus Italien als zuvor.

Versucht jemand, die Inflation zu kontrollieren?

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Sitz am Bundesplatz in Bern ist bemüht, die Inflation in der Schweiz zu kontrollieren.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Sitz am Bundesplatz in Bern ist bemüht, die Inflation in der Schweiz zu kontrollieren.

Bild: Severin Bigler (Bern, 13. Oktober 2020)

Ja. In der Schweiz macht das die SNB. Sie versucht, die Preise möglichst stabil zu halten. Als stabil wird eine Inflation von unter zwei Prozent betrachtet.

Warum nicht null Prozent?

Einerseits ist eine leichte Inflation durchaus wünschenswert. Wenn die Preise steigen, produzieren die Firmen mehr, weil sie mehr Gewinn machen können. Das wiederum führt dazu, dass höhere Löhne ausbezahlt werden können, was wiederum den Konsum ankurbelt. Wenn die Nachfrage nach Produkten nun schneller steigt, als die Produktion hochgefahren werden kann, steigen die Preise weiter. Es setzt sich ein Kreislauf in Gang, dem wir dann in den Medien als gut laufende Wirtschaft begegnen. Gefährlich wird's, wenn die Preise zu schnell steigen.

Andererseits ist eine Deflation, das Gegenteil einer Inflation, nicht wünschenswert, weil sie in der Regel nachfragegetrieben ist. Das heisst: Weil weniger nachgefragt wird, senken die Firmen den Preis ihrer Produkte, um sie doch noch loszuwerden. Und sie produzieren weniger. Hier setzt sich potenziell ein Kreislauf in eine schlechte Richtung in Gang. Ein Sicherheitspolster ist also sinnvoll. Deshalb sieht die SNB eine Inflation nahe an zwei Prozent lieber als eine nahe bei null Prozent. Übrigens auch, weil sich die Inflation nicht bis auf die Nachkommastelle genau berechnen lässt.

Und was macht die SNB nun genau, um die Inflation unter zwei Prozent zu halten?

Sie steuert die Geldmenge. Wir erinnern uns: Wenn mehr Geld für gleich viele Produkte zur Verfügung steht, steigen die Preise dieser Produkte. Es herrscht Inflation. Analog gilt: Wenn weniger Geld für gleich viele Produkte zur Verfügung steht, sinken die Preise dieser Produkte. Es herrscht Deflation. Die Nationalbank sorgt nun also dafür, dass bei einer zu hohen Inflation die Geldmenge geringer wird, bei einer Deflation wird sie höher.

Die Geldmenge steuert die SNB vereinfacht gesagt, indem sie Geld ausgibt oder welches einnimmt. Sie tut das über sogenannte Repogeschäfte. Darunter versteht man eine Art Vereinbarung über den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren inklusive späteren Rückkaufs in gleichem Umfang und zum gleichen Preis. Wenn die SNB die Geldmenge verkleinern will, verkauft sie Wertpapiere. Dafür erhält sie Geld, das nun nicht mehr im Markt ist. Wenn sie die Geldmenge vergrössern will, kauft sie Wertpapiere.

Das ist der einzige Weg?

Die SNB hat weitere Instrumente zur Verfügung. Eines davon ist der Leitzins, dem man auch oft in den Medien begegnet. Bei diesem handelt es sich um den Zinssatz, zu dem Banken bei der SNB Geld ausleihen oder ihr Geld dort deponieren können.

Das hat Einfluss auf den Zinssatz, den die Banken ihren Kundinnen und Kunden anbieten. Das veranschaulicht ein einfaches Beispiel anhand der aktuellen Situation: Der Leitzins der SNB liegt derzeit bei minus 0,75 Prozent. Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Leitzins liegt unter null. Das heisst: Wenn eine Bank Geld, dass Sie beispielsweise auf ein Sparkonto einbezahlt haben, bei der SNB deponiert, zahlt die Bank drauf. Das will sie natürlich nicht. Darum erhalten Sie als Sparer kaum noch – wenn überhaupt – Zinsen auf Ihr Sparkonto. Dieses Geschäft lohnt sich für Banken schlicht nicht mehr. Handkehrum können die Banken günstige Kredite an Firmen verkaufen. Aus dem gleichen Grund: Geld ist gerade billig.

Beides führt dazu, dass tendenziell mehr Geld im Umlauf ist. Wenn die SNB daran etwas ändern will, weil viel Geld die Inflation anheizen kann, kann sie den Leitzins erhöhen. Hier zeigt sich aber, dass die SNB nicht einfach nach Belieben steuern kann. Zum einen muss sie auch die Konjunktur, also den Gang der Wirtschaft, im Auge behalten. Günstige Zinsen befeuern tendenziell die Wirtschaft – wer günstige Kredite erhält, investiert eher. Hohe Zinsen bremsen sie.

Zum anderen: Weil der Franken als sicherer Hafen gilt, strömt viel Geld in die Schweiz, sobald sich das für ausländische Anleger lohnt. Das wiederum hätte Auswirkungen auf den Wechselkurs und das auf den Import und Export. Und das wiederum auf die Inflation, wie wir oben gesehen haben. Diese Verflechtungen bleiben an dieser Stelle aussen vor. Es sei aber gesagt: Aus diesem Grund ist der Leitzins der SNB meist tiefer als jener der Europäischen Zentralbank.

Wie ist die Situation aktuell?

Aktuell sehen wir eine steigende Inflation. Viele Experten erwarten, dass das vorerst auch so bleiben wird. Man kann sich leicht vorstellen, warum das so kommen könnte: Corona hat dazu geführt, dass die Staaten viele Schulden gemacht haben und immer noch machen. Viele Staatsschulden sind gleichbedeutend mit einer grossen Geldmenge. Und eine grosse Geldmenge kann eine Ursache von Inflation sein.

Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation nicht immer zu beobachten, wie wir gesehen haben. Es gibt Stimmen, die ihn gerade im aktuellen Tiefzinsumfeld gar nicht mehr sehen. Der Grund dafür: Viel Geld führt vor allem dann zu einer Inflation, wenn es in der Wirtschaft zu tatsächlichen Veränderungen führt. Das heisst: Wenn nicht einfach mehr Geld im Umlauf ist, sondern dieses auch die Wirtschaft zusätzlich ankurbelt. Weil die Zinsen aber schon tief sind und kaum weiter fallen können, werden Kredite für Firmen beispielsweise nicht noch günstiger. Es gibt für sie keine neuen Anreize, zu investieren.

Neben der Geldmenge könnte die Nachfrage zu einer stärkeren Inflation führen: Corona hat vielerorts zur Zurückhaltung geführt. Einerseits aus Vorsicht, andererseits aber auch einfach als Konsequenz der Massnahmen. Wer nicht in die Ferien kann, gibt dafür auch kein Geld aus. Nach Corona könnte sich ein Nachfragestau lösen. Eine stärkere Nachfrage könnte Produkte verteuern und so eine Inflation in Gang setzen.

Wie war die Inflation denn in den vergangenen Jahren?

Moderat, wenn es überhaupt eine gab. Zum letzten Mal über den von der SNB als Obergrenze definierten zwei Prozent lag sie 2008 mit 2,4 Prozent. Seither war sie immer tiefer. In einigen Jahren herrschte gar eine Deflation, auch diese blieb allerdings relativ gering. Die unten stehende Zahlenreihe mit Zahlen des Bundesamts für Statistik seit 1915 zeigt, dass die Inflationsraten früher deutlich stärker geschwankt haben.

Vielen mag die Inflation deshalb als etwas aus der Vergangenheit erscheinen. Sie erinnern sich vielleicht aus der Schulzeit an die Hyperinflation in Deutschland während des und nach dem Ersten Weltkrieg. 1923 stiegen dort die Preise so schnell, dass man dem Wertezerfall förmlich zusehen konnte. Ein Kilo Brot kostete erst Hunderte, dann Tausende, später gar Millionen Mark.

Noten mit immer höherem Nennwert wurden in den 1920er-Jahren in Deutschland gedruckt.

Noten mit immer höherem Nennwert wurden in den 1920er-Jahren in Deutschland gedruckt.

Bild: Imago

In anderen Gegenden der Welt sind solche Entwicklungen allerdings nicht der Vergangenheit vorbehalten. In Venezuela beispielsweise steigen die Preise derart rasant, dass die Regierung den Mindestlohn auf sieben Millionen Bolivars anhob und die Notenbank bereits mehrfach neue Geldscheine mit höheren Nennwerten drucken liess.

Was bedeutet das alles jetzt für mich konkret?

Wenn die Inflation tatsächlich stärker wird, heisst das zum einen, dass die Preise für viele Güter steigen. Zum anderen: Geld auf das Sparkonto zu legen, lohnt sich noch weniger als jetzt schon. Die geringen Zinsen, die Sie noch erhalten, werden von der Inflation weggefressen. Der Nominalzins – den Zins, den Sie auf Ihrem Konto sehen – mag zwar beispielsweise noch 0,25 Prozent betragen, wenn die Inflation aber nur schon 0,5 Prozent beträgt, ist ihr Realzins – was Sie mit den Zinseinnahmen machen können – negativ. Es lohnt sich, alternative Anlagemodelle in Betracht zu ziehen. Das können Wertpapiere oder Immobilien sein. Verstärkt in den Fokus geraten wegen dieser möglichen Entwicklung auch Kryptowährungen wie der Bitcoin. Zwar scheinen sie auch immer mal wieder unter Inflationsängsten zu leiden und sie sind generell sehr volatil. Doch sie könnten sich je länger, je mehr zu einer alternativen Form der Wertsicherung von Vermögen entwickeln.

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