«Eines der grössten Katastrophenjahre»

Die Wirtschaft läuft recht gut, aber sonst liegt global so einiges im Argen, wie Julius-Bär-Ökonom Christian Gattiker sagt. Zu den grössten Brandherden zählt er geopolitische Risiken, Handelsstreitigkeiten, Klimawandel und Umweltzerstörung.

Interview: Thomas Griesser Kym
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Flammenhölle in Kalifornien. Die Risiken solcher Katastrophen nehmen laut Christian Gattiker zu. (Bild: Peter Dasilva/EPA (Paradise, 9. November 2018))

Flammenhölle in Kalifornien. Die Risiken solcher Katastrophen nehmen laut Christian Gattiker zu. (Bild: Peter Dasilva/EPA (Paradise, 9. November 2018))

Die Zinswende ist im Gang. Was das für Konsumenten, Sparer und Schuldner bedeutet, weiss Ökonom Christian Gattiker, der kürzlich am «Market Outlook 2019» der Bank Julius Bär in St. Gallen referierte. Und er benennt die künftigen Toprisiken.

Christian Gattiker, die Zinsen haben zu steigen begonnen, vor allem in den USA. ­Warum?

Der Zinsanstieg ist in erster Linie zyklisch getrieben. Die US-Wirtschaft läuft sehr gut, die Aussichten werden positiv beurteilt.

Gewaltig ist der Zinsanstieg aber bisher nicht.

Nein. In einem ersten Schritt sehen wir eine Normalisierung. Als Folge der Finanzkrise hatten wir tiefste Zinsen. Jetzt erwarte ich, dass die Zinsen in drei bis fünf Jahren wieder ein normales Ni­veau erreichen. Dahinter stehen drei wesentliche Treiber.

Der erste ist die Demografie.

Genau. Wir sprechen vom Echo-Boom. Das heisst, die Enkel der Babyboomer drängen auf den US- Arbeitsmarkt. Das sind grosse Kohorten, welche die Wirtschaft am Laufen halten.

Aber sprechen wir nicht immer von einer Überalterung der Gesellschaft?

Ja, aber diese betrifft nur einzelne Länder. Zum Beispiel Japan. Oder Deutschland. Aber nicht Länder wie zum Beispiel die USA und Frankreich. Oder Nordeuropa und viele Schwellenländer.

Als zweiten Treiber nennen Sie die Technologie. Bisher dachten wir, Produktivitätsfortschritte, Skaleneffekte usw. machen Produkte immer billiger.

Christian Gattiker, Leiter Research bei der Bank Julius Bär. (Bild: PD)

Christian Gattiker, Leiter Research bei der Bank Julius Bär. (Bild: PD)

Das stimmt auch. Aber Technologie ist mehr. Zum einen gibt es immer mehr dynamische Preise. Dabei versucht ein Algorithmus die Zahlungsbereitschaft des Konsumenten zu bestimmen und ihm einen so hohen Preis wie möglich abzuverlangen. Das sehen Sie etwa, wenn Sie einen Flug buchen. Je nach Auslastung der Maschine und wann Sie wo buchen wollen, kann der Preis für ein Ticket ganz unterschiedlich sein. Zum anderen werden mit Hilfe der Technologie neue Mo­nopole geschaffen. In den USA etwa hat Amazon mit Spielwaren Toys’R’Us vom Markt verdrängt.

Dritter Treiber: die Globalisierung.

Hier wirken momentan Handelsstreitigkeiten wie zwischen China und den USA preistreibend. Höhere Zölle und andere Handelshürden haben nicht nur höhere Preise für Konsumenten zur Folge, sondern auch für Komponenten. Das verteuert dann auch den Pick-up-Truck für den US-Bauern, der überdies seine Soja nicht mehr nach China liefern kann, weil Peking gegenüber Washington Vergeltung übt.

Wie sehen Sie denn die Entwicklung der Handelsstreitigkeiten, die US-Präsident Donald Trump vom Zaun gebrochen hat?

Ende Monat befasst sich die Gruppe der G-20-Länder damit. Gut möglich, dass dann Bewegung in die Auseinandersetzung kommt. Im Grunde ist es klar: Zölle sind keine gewinnbringende Strategie. Trumps Kalkül war es, höhere Zölle anzudrohen und andere Länder zum Einlenken zu bringen, um so insgesamt tiefere und dafür symmetrische Zölle zu erreichen. Nur hat das bisher nicht funktioniert.

Zurück zu den Zinsen: In der Eurozone und der Schweiz lässt die Normalisierung noch auf sich warten. Bis wann?

Die Zinsdifferenz zwischen Europa und den USA ist mittlerweile recht gross. Sie ist von null auf über zwei Prozent bei Barmitteln, auf fast drei Prozent bei Staats­anleihen gestiegen. Die nächsten Quartale kann das noch so weitergehen. Im Oktober 2019 tritt Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank zurück. Er dürfte unmittelbar davor die Leitzinsen der Eurozone ein erstes Mal erhöhen. Danach kann auch die Schweizerische Nationalbank graduell nachziehen.

Für die Sparer heisst das folglich, sie müssen weiter warten, bis ihr Bankkonto wenigstens ein klein wenig Zins abwirft.

Ja. In den nächsten 12 bis 18 Monaten wäre es schon gut, wenigstens die Kaufkraft zu erhalten.

Und Hypothekarschuldner? Sollen sie sich absichern gegen steigende Zinsen?

Versicherung hat immer einen Preis. Eine längerfristige Festhypothek kostet mehr als eine kurzfristige, ein Cap zur Deckelung des Zinsanstiegs kostet eine Prämie. Schuldner sollten sich nicht absichern aus einer Zins­erwartung heraus, sondern ihre Vermögensplanung zu Rate ziehen. Die Frage lautet: Ab wann tut es weh, wenn ich mehr bezahlen muss?

Für 2018 rechnen Sie mit einem Wachstum der Schweizer Wirtschaft von 3,1 Prozent, für 2019 nur noch mit 1,5 Prozent. Warum dieser relative Pessimismus?

2018 spiegelt einen Nachhol­bedarf schlechterer Vorjahre. Die Beschäftigung ist gestiegen, die Unternehmen haben mehr in­vestiert, die Baukonjunktur läuft rund. Nächstes Jahr dürften sich diese Effekte abschwächen und die Schweizer Wirtschaft sich in Richtung ihres Potenzialwachstums bewegen. Und das liegt zwischen 1,5 und 2 Prozent.

Der Frankenkurs pendelt um die Marke von 1.15 pro Euro herum. Wie beurteilen Sie die Risiken einer erneuten Aufwertung?

Die Eigenschaft des Frankens als sicherer Hafen spielt eine grosse Rolle. Sollte es zu globalen Verwerfungen kommen oder die Eurokrise wieder aufflammen, könnte der Franken wieder erstarken.

Sehen Sie geopolitische Konflikte als grösste Gefahrenherde?

Die sind immer ein Thema. Ich fürchte aber, dass die kommenden Toprisiken vor allem umwelt- und klimabedingt sind. Schauen Sie sich nur die Waldbrände in Kalifornien an. Generell ist 2018 eines der grössten Katastrophenjahre der Geschichte.

Der Bitcoin ist vom Höchst von 20000 Dollar vergangenen Dezember auf 4500 Dollar zerbröselt. Was halten Sie von Kryptowährungen?

Kryptowährungen sind eine Blackbox. Wir empfehlen sie nicht.

Was empfehlen Sie Anlegern an der Börse?

Investitionen in kotierte Schweizer Familienunternehmen, die global tätig sind. Lifte und Fahrtreppen, Schliesssysteme, Sanitäreinrichtungen, Schokolade – am besten schauen die Schweizer Anleger, was sie so alles an Swissness im Alltag finden. Auslandreisen sind besonders aufschlussreich, da zeigt sich, wer bereits global ist von den Schweizer Konzernen.